Schwule Lebenswirklichkeiten – Was die aktuelle Bochow-Studie über uns verrät

Cover_Bochow-StudieFast 55.000 Männer haben im Sommer 2010 an einer Online-Studie zur Lebenssituation und zum Schutz- und Risikoverhalten schwuler und bisexueller Männer teilgenommen. Jetzt liegt die Auswertung durch den Soziologen Michael Bochow sowie Stefanie Lenuweit, Todd Sekuler und Axel J. Schmidt vor. Auch wenn es zentral um das Sexualverhalten hinsichtlich der HIV-Prävention geht, liefert die „Bochow-Studie“ zugleich einen Einblick in die Lebenssituation schwuler Männer allgemein – wie es schwule Männer mit der Beziehungen halten, wie ihre Erfahrungen mit Gewalt gegen Schwule sind oder auch, ob sich Schwule als Schwule bezeichnen.
Im Folgenden habe ich einige Ergebnisse aus der Studie herausgegriffen, weil sie mir als Stichworte für ein Nachdenken über schwule Lebenswirklichkeit(en) wichig scheinen:

Schwul oder nicht schwul?
Gut drei Viertel der Befragten (76 %)  bezeichnet sich selbst als schwul oder  homosexuell. Dieses Selbstbewusstsein zeigten vorallem die Altersgruppe  der  30-  bis  44-Jährigen. Von den unter 20-Jährigen wollen sich 69% schwul nennen, 23% in dieser Altersgruppe  bezeichnen sich als bisexuell. Auf alle Teilnehmer bezogen, definieren sich 17% als bisexuell. 6% wollten sich in gar kein Kästlein stecken (lassen).
Offen schwul lebt knapp die Hälfte der Befragten, bei über einem Viertel (27%)  „wissen nur wenige bzw. niemand aus dem Familien-, Freundes- und Kollegenkreis von deren Homosexualität. Ein Zusammenhang besteht zwischen der Offenheit bzw. Verdecktheit des eigenen schwulen Lebens und der Größe des Wohnorts.“ Meint: In den Metropolen lebt es sich leichter offen schwul. Das beeinflusst natürlich auch den Freundeskreis. Wer in Städten wie Köln oder Berlin lebt, hat weit eher einen überwiegend schwulen Freundeskreis als Schwule in kleinen Städten und Gemeinden.

Allein oder zu zweit?
Die  große  Mehrheit der Schwulen bzw. Bisexuellen, so sagt die Studie, wohnt allein (44%). 24% gaben an, mit ihrem festen Partner zusammenzuleben, 6% mit ihrer Partnerin. Immerhin 40% der Schwulen sieht sich als monogam, 60% hat auch Sex außerhalb der Partnerschaft. 41% der Befragten haben eine Beziehung. Von den Befragten waren 8% in einer Eingetragenen Partnerschaft, 44% würden sich „unter Umständen“ verpartnern, 9% lehnen die Ehe ab.

Geld oder keins?
Erstmals wurde in einer Bochow-Studie nach dem Einkommen gefragt, immerhin 97% der Teilnehmer, die den deutschen Zusatzfragebogen ausfüllten, machten Angaben. „Werden nur die Berufstätigen berücksichtig, so zeigt sich, dass ein Drittel (36 %) über ein Nettoeinkommen von über 2000 € verfügt. 39 % der Berufstätigen verdienen weniger als 1500 €.“ 6% gaben an, arbeitslos zu sein, 5% gingen einer Teilzeitbeschäftigung nach.

Sex oder Infos? Relevanz von schwulen Online-Medien
Bei der Studie handelt es sich um eine reine Online-Befragung. Der Fragebogen wurde also nicht in gedruckten Medien verbreitet, also nicht in Szene-Magazinen. Sehr wohl jedoch in deren Online-Auftritten. Hier zeigt sich, wer online das Maß aller Dinge ist: Die meisten Teilnehmer kamen über das Internetportal „GayRomeo“ – fast 83% (33.146 Teilnehmer) füllen den deutschen Teil des Fragebogens „Schwule  Männer  und  Aids“ (in einem anderen Teil ging es um einen europaweiten Vergleich) aus. Dagegen erscheinen die Rückläufe von anderen Internetseiten gering. Über „queer.de“ kamen 4% (1.592 Teilnehmer), über die DAH/IWWIT-Seiten „nur“ 0,6%  (221 Teilnehmer)und über die „Online-Schwulenpresse“ (Blu, DU&ICH, Hinnerk, Publigayte, Schwulissimo, Siegessäule) ganze 285 Teilnehmer. Erfreulich, dass ein – mittlerweile aber nicht mehr weitergeführtes – Blog, nämlich das „Ondamaris“-Blog 109 Leser zur Teilnahme bewegen konnte!

Kneipe vs. Internet?
Dazu passt auch der Befund der Studie: „Das Internet kann inzwischen als eine eigene Szene angesehen werden.“ (S. 51) So gaben jeweils 24% an, alle bzw. die meisten Sexpartner über das Internet gefunden zu haben. 26 % der Befragten haben dagegen keinen einzigen Sexpartner über das Internet erreicht (S. 69). Das bedeute aber nicht, werden die Soziologen nicht müde zu betonen, dass in Sachen Sex die „reale Welt“ ausgedient hat: Das Aufsuchen von Treffpunkten (wie  Bars, Clubs, Saunen, Cruising-Orte etc.) habe nach wie vor eine hohe Relevanz „und das Internet als virtuelle Welt die Bedeutung dieser Treffpunkte für das Finden von Sexpartnern möglicherweise eingeschränkt, aber keineswegs aufgehoben“. Und wenn es nicht um Sex geht: Waren 2007 86% weder in einer Schwulengruppe
noch in einer Aidshilfe, sind es 2010 91%.“

Gewalt – verbal oder physisch?
Die Bochow-Studie benutzt den etwas unschönen Begriff der „symbolischen Gewalt“ und meint damit jene Formen, bei denen Schwule oder bisexuelle Männer nicht unmittelbar physisch angegriffen wurden, sehr wohl aber verbal oder durch Blicke angegriffen wurden oder sich zumindest angegriffen fühlte: 33% der Teilnehmer an der europaweiten Umfrage gaben an (S. 58), „in den letzten zwölf Monaten vor der Befragung angestarrt, bedroht oder beleidigt worden zu sein. Opfer physischer Gewalt wurden 2010 2%  der Befragten.“ Dabei sind Jugendliche weitaus stärker  von verbaler oder physischer Gewalt betroffen als ältere Schwule. Während bei den unter 20-Jährigen 59% angaben, „symbolische Gewalt“ erfahren zu haben – 7% physische Gewalt -, sind es bei den über 44-Jährigen 27% – bzw. 1%. Während die Größe des Wohnorts „keinen Einfluss auf das Ausmaß erfahrener symbolischer und  physischer  Gewalt“ habe, gebe es einen Zuammenhang zwischen Bildungsniveau und erfahrener physischer  Gewalt. Danach sind Jugendliche mit Hauptschulabschluss stärker betroffen als Befragte mit Abitur. Die Bochow-Studie verweist auf eine Studie des Berliner  Antigewaltprojekts  MANEO, die 2006 ebenfalls „eine  besonders  starke  Gewaltbetroffenheit bei unter 20-Jährigen“ dokumentierte.
Werden Erfahrungen verbaler oder physischer Gewalt zusammengefasst, so ein trauriger Schluss der Studie, „zeigt sich, dass in ihrem bisherigen Leben (…) über die Hälfte der befragten MSM / Männer, die Sex mit Männer haben (53 %) Opfer verschiedener Gewaltformen wurden“.

Dies sind einige Ergebnisse aus der aktuellen Bochow-Studie „Schwule Männer und HIV/Aids“: Es sei nochmals betont, dass ich hier den eigentlichen Kern der Studie (HIV-Prävention) übergangen habe. Ebenso enthält die Studie ein ganzes Kapitel über Schwule und Bisexuelle mit Migrationshintergrund, das sich zu studieren lohnt. Die Studie kann man über DAH beziehen bzw. auf der dortigen Internetseite als PDF herunterladen.

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