Stichworte 2013: Kritik und Kontrolle (oder: Der blinde Fleck des schwulen Journalismus)

Anstelle eines Jahresrückblicks veröffentliche ich im Januar eine lose Folge von Gedanken, Beobachtungen, die mich in 2012 beschäftigten, die mir aber auch für 2013 relevant erscheinen. Es sind Assoziationen, unfertige Bruchstücke, die mit der Frage zusammenhängen: Was ist es, was die schwule Welt zusammenhält?

Stichwort_Kritik_Kontrolle

Wer schwule Medien (gedruckt oder online) liest, ist in der Regel gut informiert, was in politischer und gesellschaftlicher Hinsicht außerhalb der schwulen Welt passiert. Über die Vorgänge innerhalb der schwulen Welt, über die Verantwortlichen und ihr Handeln erfährt man dagegen nichts.
Keine Äußerung des Führers der katholischen Kirche bleibt unbeachtet.  Wer schwule Medien liest, weiß, wie es um die Führungsstruktur von heterosexuellen Schützenvereinen bestellt ist und was deutsche heterosexuelle Chefetagen über homosexuelle Angestellte denken. Über die Strukturen der schwulen Welt, über ihre (politischen) Organisationen, Vertretungen, Vereine und Verbände erfährt man dagegen so gut wie nichts. Das Tun der zumeist selbsternannten – durch keine Wahl und durch keine Rückbindung an eine schwule Öffentlichkeit legitimierten – „Verantwortlichen“, der „Macher“ der schwulen Welt bleibt weitgehend im Dunkeln. Die internen Vorgänge der schwulen Welt sind der blinde Fleck des schwulen Journalismus.
Schwule Medien, das sind Partytermine, Einblicke in die lustige Welt der queeren WG mit Hund, neuerdings Hochzeitsnachrichten, Werbung für homo-affine Cabrios und demnächst Kinderkleidung. Dazu erfährt man noch über die Situation von Homosexuellen in Afrika, im November oder Dezember auch was über Menschen mit HIV. Sehr vereinzelt erfährt man, wenn ein Schwuler in der Stadt bedroht oder verprügelt worden ist. In der Regel landen solche Nachrichten aber im Papierkorb.
Wer bestimmt in den politischen Verbänden und Vereinen? Was machen sie für eine Politik im Namen aller Schwulen und Lesben in Deutschland (und im Namen von Bisexuellen und Transgender gleich noch mit)?  Wie steht es um ihre Finanzierung. Wer wird bei Anhörungen im Bundestag oder vor dem Verfassungsgericht als „Experte“ zu schwulen Themen eingeladen und warum? Wer spricht da für „uns“? Haben wir uns damit abgefunden, dass irgendwer irgendwas in unserem Namen tut und dafür auch öffentliche Gelder erhält? Wie sie verwendet werden, ob die marktschreierisch angepriesenen Plakatkampagnen jemals das Licht der Welt oder gar das Auge eines nicht-homosexuellen Betrachters erblicken – zu einer solchen journalistischen Nachhaltigkeit fehlt anscheinend jedes Interesse der schwulen Medien und möglicherweise das Interesse der Leserschaft.
Als im März diesen Jahres die Bundesregierung Zahlen veröffentlichte, welche schwul-lesbischen Projekte finanziert werden, tat sie dies nur auf Druck einer Oppositionspartei. In der schwulen Welt wäre niemand auf diese Idee gekommen, und auch als die Zahlen öffentlicht waren, gab es nirgendwo eine Analyse dieser Zahlen, nirgendwo eine Nachfrage, wofür die Vereine ihr Geld erhielten. Fast 25.000 Euro für einen Angehörigenverband in einem Jahr? Nicht schlecht. Es sei dem Verband gegönnt. Man wünschte sich, man würde mehr über die Arbeit des Verbandes in der schwulen Presse lesen. Aber vielleicht ist’s ja auch egal? Aber ist es egal, wenn, um ein anderes Beispiel zu nennen, ein schwules Switchboard seit Jahren mit Unsummen finanziert wird, nur weil sich der Organisator gut mit dem Bürgermeister versteht, und das Switchboard eigentlich doch nur eine Pinnwand ist, auf der die Touris ihre Zettel kleben können?
10 Millionen gab’s vom Bund für die Hirschfeld-Stiftung. In Zeiten knapper Kassen ist ein mächtiger Geldgeber entstanden. Dort werden im Frühjahr die ersten Projektgelder vergeben. Wird es der schwulen Welt überhaupt auffallen? Oder werden die üblich Verdächtigen in den Gremien sich gegenseitig die üblich verdächtigen Projekte durchfinanzieren? Auf der Internetseite eines schwulen Nachrichtenmagazins warb die Stiftung mit einem großzügigen Banner für eine Lesung in Berlin, dazu gab’s ein Promo-Interview, in dem sich der Geschäftsführer ausmäandern durfte, was für ein toller Typ er ist. Man muss nicht damit rechnen, dass von diesem millionenfach geklickten queeren Medium die Aktivitäten der Stiftung jemals hinterfragt werden. Fürs schwul-lesbische Fußvolk einen schönen Malwettbewerb gegen Homophobie, bei dem man 50 Euro gewinnen kann, fürs homophile Jet Set und fürs Queer Business die Tausender? Nicht missverstehen: Auch große Summen können gut angelegt und für die Community von Nutzen sein. Gute, sinnvolle Arbeit in und für die Community soll gut und ausreichend finanziert sein! Es geht darum, ob die Vorgänge transparent sind. Es geht darum, ob „wir“ – die schwule Öffentlichkeit – überhaupt erfahren, wer was warum finanziert. Es geht darum, ob es überhaupt jemanden im schwulen Journalismus gibt, der willens und auch fähig ist, die Vorgänge intern – das  heißt: innerhalb der schwulen Welt – zu begleiten und zu analysieren. Es geht darum, ob die schwule Presse ihre Kritik- und damit auch Kontrollfunktion ausübt.
Einst gab es ein (Selbst-)Verständnis des Journalismus als vierte Gewalt im Staat. Damit wurde ihm eine Funktion neben den drei Gewalten Exekutive, Legislative und Justiz zugewiesen, vorallem als kritische Begleitung von deren Tätigkeit, durch die Weitergabe von Informationen durch einen „außerhalb“ stehenden Beobachter. Solch ein Selbstverständnis existiert im schwulen Journalismus nicht! Es fehlt der schwulen Welt an einer vierten Gewalt als Kontrollinstanz. In einem Netz von völligem Desinteresse, fehlender fachlicher Ausbildung, Klüngelei, Seilschaften, finanziellen Abhängigkeiten, kurz: von Männerbündelei, ist jeder, der auch nur versucht, hinter die Kulissen zu blicken und dies einem breiteren Publikum mitzuteilen, ein Nestbeschmutzer. Alles, was die schwule Medienwelt leisten kann und will, ist bestenfalls Abwehr von Kritik und Angriffen von Außen (das ist nicht wenig!). Ansonsten bleibt willfährige Hofberichterstattung und ab und an eine Mecker-Kolumne von einem Szene-Moralapostel.
Der schwule Journalismus tut der schwulen Welt nicht weh. Das ist angenehm und traurig zugleich.

© Rainer Hörmann / Januar 2013

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4 Responses to “Stichworte 2013: Kritik und Kontrolle (oder: Der blinde Fleck des schwulen Journalismus)”


  1. 1 Ralf Januar 2, 2013 um 5:30 pm

    Wieder einmal Ausführungen, die man nur dick unterstreichen kann. Jede intellektuelle Steißgeburt des Papstes und eine Flut von Dümmlichkeiten zum Phantom „Schwule im Fußball“ – das ist es, woran ich mich aus 2012 hauptsächlich erinnere. Arbeit von Verbänden und ihre Finanzierung, schwules Leben im weitesten Sinne – bestenfalls unter „ferner liefen“.

  2. 2 bajazbasel Januar 5, 2013 um 11:21 am

    Wenn ich die schwulen „Massenblätter“ öffne, dann schreit mir eine Werbewelt entgegen, mit Fitness, Parties und Ferien, Publireportagen und harmlosen Nachplappereien. Die Regenbogencommunity ist zur Regenbogenpresselandschaft verkommen…

    Dazu kommt, dass Schwule keine Leistung direkt bezahlen möchten, nur jene, die unmittelbar mit sexuellen Versprechungen oder Sex zu tun haben. Aber auch das nur verschämt…

  3. 3 Robert Niedermeier Januar 6, 2013 um 11:49 am

    Wie wahr, obwohl es selten an mangelnder Ausbildung liegt, auch Hofberichterstattung will gelernt sein.


  1. 1 Stimmt eigentlich: Vorsatz für 2013 | #Queerdenker Trackback zu Januar 6, 2013 um 9:49 am
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