Stichworte 2013: Selbstoptimierung

Anstelle eines Jahresrückblicks veröffentliche ich im Januar eine lose Folge von Gedanken, Beobachtungen, die mich in 2012 beschäftigten, die mir aber auch für 2013 relevant erscheinen. Es sind Assoziationen, unfertige Bruchstücke, die aber stets mit der Frage zusammenhängen: Was ist es, was die schwule Welt zusammenhält?

Stichwort_Selbstoptimierung

Die Hartnäckigkeit, mit der die schwule Welt den Begriff Selbstoptimierung ignoriert, ist wahrscheinlich das sicherste Indiz dafür, wie sie sich diesem Götzen ausgeliefert hat bzw. in dessen Griff ist.

Generationen vor uns hatten das Wort „Jeder ist seines Glückes Schmied“. Im Zeitalter der Hyper-Individualisierung, das einhergeht mit der – faktisch – völligen Bedeutungslosigkeit des Einzelnen, ist der Druck enorm gewachsen, selbst zum Gelingen des Lebens – und zwar des eigenen, wohlgemerkt! – beizutragen: Eine ganze (Glücks-)Industrie lebt von der Notwendigkeit der Menschen, sich irgendwie im Leben zurechtzufinden. Wer heute über die Runde kommen will, hat dies mit vollem Einsatz zu tun, etwa am Arbeitsplatz, in der Gesundheit, in seinem Lebensstil; er muss gesellschaftlich – und das heißt bei uns: konsumorientiert – aktiv sein und die Anforderungen der herrschenden Ideologie des Marktes erfüllen. Derzeit heißt das: ständig flexibel und verwertbar zu sein, und dies – selbst wenn es einen verbrennt – zu bejahen. Die Hauptanforderung aber heißt: glücklich sein! Unentwegt muss positiv gedacht, ausgeglichen gelebt und müssen Fehler als Chance erkannt werden, um sie auszumerzen und sich zu optimieren. Für Schwächen sind in der Work-Life-Balance maximal 1,7 Minuten täglich eingeplant.
Das Schlimmste an der Selbstoptimierung: Man weiß, dass man es nur falsch machen kann. Schon morgen werden andere Qualitäten gefragt sein. Die Selbstoptimierung geht in die nächste Runde.
Schwule sind besondere Nutznießer der erzwungenen Ausdifferenzierung der Gesellschaft und deswegen besonders treue Verherrlicher kapitalistischer Verwertungsmechanismen. Selten hat eine Gruppe ihre eigenen Potenziale derart leicht preisgegeben und Solidarität durch interne Selektion, Sexualität durch Körper-Effizienz in der Erfüllung der Ansprüche eines selbstherrlichen Egos ersetzt. Selbstherrlich, weil man als Schwuler mehr denn je einem männlichen Mythos der Eigenmächtigkeit genügen muss.
Dating-Portale und noch mehr Spionage-Apps wie Grindr erzwingen den vollen Einsatz in der Präsentation des Selbst. Sie sind aber nicht die Ursache der Selbstoptimierung, sondern Hilfsmittel, um mit dem Zwang möglicherweise besser zurechtzukommen. Denn die Wahrheit bezüglich des flächendeckenden Zwangs zur Selbstoptimierung ist: Man entkommt ihm nicht! Wer nicht bereit ist, an sich selbst zu arbeiten, wer sich nicht selbst optimieren will, hat dafür den Preis des Ausschlusses zu zahlen.

© Rainer Hörmann / Januar 2013

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