„Danke für die Bewegung“ 70. Geburtstag von Rosa von Praunheim

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit hat dem Filmemacher Rosa von Praunheim zu dessen 70. Geburtstag am heutigen Sonntag gratuliert. U.a. schrieb er:

„Viele Menschen haben viele gute Gründe, an Deinem 70. dankbar auf Deinen bisherigen Lebensweg zurückzuschauen. Du hast sie mit Deinem filmischen Werk bereichert und vielen von ihnen mit Deiner Diskussionsfreude, Deinem Mut, Deiner Offenheit wesentliche Impulse für ihr eigenes Leben gegeben. Ich möchte Dir daher vor allem für die Bewegung danken, die Du in vielen Köpfen ausgelöst hast – letztlich dafür, dass unsere Gesellschaft und unsere Stadt durch Dein Wirken toleranter und weltoffener geworden ist.“

Jüngeren Schwulen wird wahrscheinlich Klaus Wowereit als Gallionsfigur des modernen homosexuellen Selbstbewusstseins erscheinen. Mit seinem Satz „Ich bin schwul – und das ist auch gut so!“ schaffte er den medialen Durchbruch und die Wahl zum Regierenden Bürgermeister Berlins. Er markiert ein homosexuelles Selbstverständnis, das sich nicht mehr in langen Selbsterklärungen ergeht, sondern affirmativ zur sexuellen Orientierung steht. Wowereit und viele andere profitieren dabei von den Menschen, die in bewegten Zeiten antraten und erklärten, aufklärten und sich vor allem in der Öffentlichkeit zeigten. Zu diesen Menschen gehört Rosa von Praunheim.
Mit der Uraufführung am 15. August 1971 löst sein Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“** eine Welle von Gründungen von Schwulengruppen aus, seine Ausstrahlung im Januar 1973 im deutschen Fernsehen ruft zunächst die homophobe Mehrheit hervor (der Korrektheit halber: Auch eine Homo-Organisation war gegen das Zeigen des Filmes!). Es hagelt telefonischen Protest – Mehr als 95% der Anrufer wollen, dass „die Homos in der Ecke bleiben“!*
Rosa von Praunheim wird nochmals eine Debatte auslösen – mit einem Auftritt in „RTL Explosiv“ im Dezember 1991, in der er den Talkshow-Moderator Biolek und Komiker Kerkeling als schwul outet. Die Empörung ist groß, die Debatte noch größer. Hintergrund war, dass Praunheim angesichts der Aids-Epidemie Solidarität von Schwulen im Kampf gegen die Krankheit einforderte.
Heute, viele Jahre und vor allem viele Filme später, ist es ruhiger um Rosa von Praunheim geworden, sicher ist er selbst ruhiger geworden. Seine Filme porträtieren oft unmittelbare Freundinnen und Freunde und Zeitgenossen, zeigen die Freuden der Sexualität und greifen Themen auf, die die Szene selbst gern und hartnäckig von sich schiebt. Wie etwa die Themen Aids***, Alter, Prostitution oder – 2005 – das Thema Schwule Nazis mit „Männer, Helden, schwule Nazis“. Ein Film, der angesichts der Verstrickung von Carsten S. in die Morde der Nazi-Terrorgruppe NSU neue Brisanz erlangt hat bzw. hätte erlangen können, wenn es die Szene interessieren würde.
Die schwule Gemeinde hat Praunheims Engagement nicht immer gewürdigt. Wenn mich mein persönlicher Eindruck nicht täuscht, galt er – gerade nach dem Outing-Eklat – in den neunziger Jahren zunehmend als nervender Störenfried, der mit seiner dauernden Selbstkritik schwulen Lebens nicht in das sich verfestigende und zur neuen Norm gerinnende Bild des Gute-Laune-Party-Homos passen wollte. (Nachtrag nach kurzer Hintergrund-Debatte: Das muss nicht heißen, Praunheim habe per se „wahre“ oder „richtige“ Dinge gesagt. Mir geht es darum, dass er von Zeit zu Zeit als einer der wenigen internen Kritiker auftrat, die noch Debatten auslösten.)
Anlässlich seines 70. Geburtstag ist Rosa von Praunheim präsent in nahezu allen Mainstream-Medien. „Arte“ und „rbb“ zeigten zahlreiche Filme, unter anderem die Kollektion von 70 kleinen Porträts: „Rosas Welt“ – sehr passend für einen Filmemacher, der uns schon immer hat an seiner Welt teilhaben lassen. Die Aufregung um Homosexualität und schwule Themen hat sich sichtlich gelegt – daran ist Rosa von Praunheim – im positiven Sinne – letztlich  selber schuld!
Herzlichen Glückwunsch!

*zitiert nach: Elmar Kraushaar – Hundert Jahre schwul (Rowohlt Verlag 1997)
** auf Anraten von Stefan W. tragen wir hier nach, dass auch der Sexualwissenschaftler Martin Dannecker maßgeblich am Film beteiligt war …
*** Dirk Hetzel erinnert in seinem Beitrag fürs DAH-Blog an dessen Film
„Ein Virus kennt keine Moral“ und an ein Gefühl „moralinsaurer Bevormundung“ in vielen Äußerungen Rosas zum Thema HIV.


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