Ein Interview lang schwul (Und mehr muss man von Jens Spahn zum Thema auch wirklich nicht wissen!)

Der CDU-Politiker Jens Spahn hat dem „Spiegel“ sein „erstes und letztes“ Interview zu seinem Schwulsein gegeben. Damit wolle er „ein Zeichen“ setzen für die Homos, die mit seiner Partei hadern. Jens Spahn tut das ja leider nicht. Und so überlegt man am Ende dieses merkwürdig artigen Interviews, ob man in der nächstbesten katholischen Kirche – Herr Spahn outet sich auch als gläubiger Katholik; eine übrigens rein private Angelegenheit, von der wir hoffen, dass sie auch ein einziges und letztes Mal erwähnt wird! – eine Kerze anzünden und leise beten soll, dass es auch mal besser wird mit dieser CDU und ihren irgendwie doch nicht so sehr anderen Politikern …

Es ist die berühmte „Schwulsein ist nicht abendfüllend“-Haltung, mit der sich die Besser-Homos gerne von den Pfützen-Homos abgrenzen, die aus fast jeder Zeile des Interviews spricht: Man selbst ist der meta-sexuelle Mensch und ein bekennender Heterosexuellen-Bücherleser, außen vor bleibt der gemeine Homo, der auf sein Auto das Regenbogenfähnchen klebt und dessen Horizont nicht weiter als bis zum nächsten Dunkelraum reicht. (Ganz schlimm, wenn der gemeine Homo dann auch noch zugibt, dass es ihm Spaß macht!) Es ist jene Haltung, mit der sich Besser-Homos wie Jens Spahn gern den Mehrheits-Heterosexuellen andienen. Einer Minderheit dieser Mehrheit wird das gefallen, der großen Mehrheit der Mehrheit ist, glücklicherweise, auch das egal. Es ist vor allem aber jene Haltung, mit der CDU-Homos neuerdings um ein bisschen Akzeptanz buhlen. Motto: Ich bin nett, weil ich nicht allzu oft das Wort schwul in den Mund nehme.
Dazu gehört es, jene sattsam bekannten Versatzstück zu zitieren, die zeigen sollen, wie man sich als guter Homo von den anderen Homos distanziert.
Ein Satz dieser Instant-Politik-Rhetorik lautet: „Ich möchte nicht, dass meine Art zu leben und zu lieben eine größere Rolle spielt als meine inhaltliche Arbeit.“ Tut es doch auch nicht! Eigentlich hat doch bislang nur das böse „k.net“ mal getreten und gesagt, dass Jens Spahn sich ständig von der Fahrbereitschaft des Bundestages in die Sauna kutschieren lasse. Das war gemein! Ansonsten ist Spahns Homosexualität tatsächlich schon länger bekannt, und ich kann mich an kein Magazin erinnern, das versucht hätte, ihn dadurch irgendwie in die Bredouille zu bringen (anders als etwa bei Westerwelle seinerzeit). Dass er mit inhaltlichen Aussagen wenig präsent war, mag ja vielleicht daran liegen, dass er bislang eher B-Riege der CDU-Politiker war – und nur jetzt von seiner Partei als Feigenblatt vorgeschoben wird, um ein bisschen beim großstädtischen Wählerpublikum zu wildern.
Die Aussage Spahns ist eine defensive Vorsichtshaltung und die deutliche Erklärung an die mehrheitlich heterosexuellen LeserInnen des „Spiegel“, dass er diskret bleiben wird und nichts aus dem Schlafzimmer ausplaudert. Interessanterweise müssen immer die Schwulen das extra betonen. Aber ist das nicht eine Selbstverständlichkeit – eine meta-sexuelle? Ich möchte auch nicht wissen, was der Hetero-Politiker mit seiner Frau treibt. Meines Wissens werden diese übrigens selten dafür diskriminiert!
Ein anderer Satz ist die Aussage, „keine schwule Klientelpolitik“ zu machen. Keine schwule Klientelpolitik? So, so, und wieso hockt Jens Spahn dann im Kuratorium der von der FDP zu Leben und Geld gebrachten Hirschfeld Stiftung? Weil es ihm da um Gesundheitspolitik geht? Oder weil er einfach meta-sexuell machtgeil ist und halt wie alle Politiker weiß, Einfluss hat man nur, wenn man irgendwie über die Vergabe von Geld entscheidet?
Übrigens zeigt sich Jens Spahn dankbar für die Arbeit von Volker Beck und für das, was dieser und andere Berufs-Homos (mein Wort) erkämpft haben. Genau! Weil sich eine kleine Riege zu Affen im Kampf für gleiche Rechte macht, kann sich die satte, selbstzufriedene  Riege der „Ein bisschen schwul“-CDU’ler jovial darüber erheben.
Das dumme Gequatsche von der Klientelpolitik denunziert alle die, die vor Ort und bundesweit die Situation von Lesben und Schwulen verbessern möchten. Seit wann ist das Bemühen um gleiche Rechte „Klientelpolitik“? Wir würden es Menschenrechtspolitik nennen, aber das Wort ist ja tendenziös links und die CDU schreibt das Wort Recht ja ohnehin mit kleinem „r“ und „s“ am Schluss.
Konfrontiert mit dem Merkel-Satz, dass gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften ein gesellschaftlicher Irrweg seien, ist Spahns erste Reaktion „Ach wissen Sie …“ Da ringt die Hilflosigkeit um Worte und muss sich dann zu Aussagen vom britischen Premier Cameron flüchten. Spahns Hinweis darauf, dass sich die CDU ja irgendwie in Fragen der Rechte von Schwulen und Lesben bewege, ist ziemlich dürr. Wäre er ehrlich, dann müsste er zugeben, dass es ohne den Druck anderer Parteien bei der CDU keinerlei Zugeständnisse gab und geben wird.
Darauf angesprochen, dass die CDU bei den großstädtischen Bevölkerungsgruppen kaum noch punkten kann, sagt er, das Problem sei „kein inhaltliches, sondern eines der emotionalen Anschlussfähigkeit“. Blenden wir noch einmal zum Anfang: Hat da Jens Spahn nicht gesagt, er wolle als Politiker inhaltlich wahrgenommen werden? Sei’s drum! Schön, dass Spahn mit seinem „ersten und letzten“ Interview zum Schwulsein ein bisschen „anschlussfähig“ bleibt! (Meine ich ganz ehrlich!)
Aber nachhaltige „Zeichen“ sind Spahns Auslassungen nicht: weder für die Homos in der CDU noch den Rest der schwulen Welt. Sie sind nämlich banal, defensiv und lügen vor, man könne / man müsse seine Homosexualität halt immer auch ein bisschen hintenanstellen. Solche Ideologie der Anbiederung macht neidisch auf die Heterosexuellen, die den lieben langen Tag heterosexuell sein dürfen und bei denen nie jemand auf die Idee käme, ihre politischen Entscheidungen hätten etwas mit ihrer Sexualität zu tun.

PS: Jens Spahn kämpft um den Sonntag als Ruhetag. Das ist ehrenwert – wir hätten es, aus zutiefst 24/7-schwulem Eigeninteresse vorgezogen, er würde sich etwas mehr für den Samstag einsetzen.

© Rainer Hörmann / November 2012

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2 Responses to “Ein Interview lang schwul (Und mehr muss man von Jens Spahn zum Thema auch wirklich nicht wissen!)”


  1. 1 Christian Schultze November 21, 2012 um 8:39 am

    Danke für diesen wunderbar entlarvenden Artikel.

  2. 2 Ralf November 23, 2012 um 1:34 pm

    Wenn Unternehmer von einem Unternehmer, Katholiken von einem Katholiken, Frauen von einer Frau, Gewerkschafter von einem Gewerkschafter usw. usf. im Bundestag erwarten, sich für die Interessen der Gruppe einzusetzen, der er/sie angehört, dann ist das ja legitim. Aber wehe, Schwule erwarten das von einem Homophilen, der es in den Bundestag geschafft hat – dann, so der Homophile J.S., ist das Klientelpolitik … pfui bah! Ich hab das Interview gelesen und fand es entblößender, als wenn er sich nackt ausgezogen oder von seinen sexuellen Vorlieben gesprochen hätte.


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