Danke USA!

Am 22. November feiert man in den USA Thanksgiving, jenes Fest, bei dem traditionell Truthähne verspeist werden – etwas, was deutschen Familien verwehrt bleibt, weil die deutschen Backöfen zu klein für das riesige Federvieh sind. Ansonsten würden wir hierzulande natürlich auch Thanksgiving feiern. Weil wir in Deutschland zwar gerne ein bisschen Ami-feindlich sind, aber de facto alles nachmachen, was aus dem Land der angeblichen Unkultur und des bösen Kommerzes kommt. Das gilt ganz besonders für die schwule Welt …

Jahr für Jahr feiern wir den Christopher Street Day – und benutzen meist die Abkürzung CSD, weil die sich deutsch aussprechen lässt und davon ablenkt, dass die deutsche schwule Welt nicht in der Lage war, stolz auf eigene Errungenschaften zu sein. Oder sie auch nicht hatte? Muss auch nicht. Immerhin schwingt beim CSD ein Hauch, eine verblassende Vorstellung von schwuler Internationale mit. Warum also nicht darauf stolz sein, dass anderswo etwas passiert ist, das uns unser heutiges, mehr oder weniger öffentliches Leben ermöglicht?
Aber auch über 40 Jahre später prägt Amerikanisches das deutsche Leben. Hatten wir nicht mal selbst ein großes Ledertreffen zu Ostern in Berlin? Längst ausdifferenziert, die Strahlkraft verpufft in deutscher Szene-Kleinstaaterei. Folsom ist jetzt das Maß der Dinge – zumindest medial. Folsom ist eine importierte amerikanische Marke, nach der Deutschlands Fetischwelt – die an den restlichen 51 Wochen auf das Tragen von Nike-Turnschuhen zusammengeschrumpft ist – gierig ist wie die deutsche Nachkriegsgeneration einst nach Coca Cola.
Schwule Partys heißen – zumindest in den Kapitalen schwulen Lebens – „Beardance“ oder „Son of a Gun“, selbst der mit Zucker aus biologischem Anbau aus Meck-Pomm gesüßte Glühwein muss auf dem „Pink Christmas“ oder dem „Winter Pride“ getrunken werden. Gute Schwule tragen in den USA gekaufte Abercrombie-Sweaters, und es soll sogar noch konservative Retro-Homos geben, die 501-Jeans im Koffer rausschmuggeln. Zeitgemäße Schwule verehren den Hetero-Ami Steve Jobs (nicht so sehr den Homo Tim Cook) und lassen im Minutenrhythmus das Display ihres teuren iPods, -pads, -patz oder wie auch immer aufleuchten, um seiner zu gedenken. Teuer verkauft, billig hergestellt von Sklavenarbeitern in Asien, während wir – dank einer App(lication)online die Petition zum Schutz der Homos in Afrika unterzeichnen!
Wir lieben es, „Desperate Housewives“ und „Glee“ zu glotzen. Wir lachen über die Prüderie der verklemmten Amis, über ihren Fundamentalismus in Sachen Sex, um uns dann auf Schulmädchen-Niveau mit Schulmädchen-Stories zu amüsieren, selbstverständlich subversiv! Und bei „True Blood“ läuft uns nicht das Blut, aber ein bisschen Speichel aus dem Mund, wenn wir einen nackten Oberkörper sehen. Und jedesmal tun wir – ganz wie die Amis – so, als sei es der erste und einzige nackte Oberkörper – dabei sind die so austauschbar wie die Schwanzbilder auf der Dating-Seite im Internet.
Ohne Nachrichten aus den USA wüsste man bei „queer.de“ oft tagelang nicht, was man publizieren sollte. Wen stört’s schon, dass wir uns eigentlich nicht über einen homophoben Hausmeister an einer amerikanischen Schule stören müssten. Was immer auf schwulen deutschen Nachrichtenseiten über andere Kontinente, andere europäische Länder steht, verdankt sich zumeist einer Meldung eines wenn nicht amerikanischen, so doch zumindest englischsprachigen Nachrichtenmediums. Folge des Umstands, dass wir alle fließend Englisch sprechen und lesen, aber nur rudimentär Spanisch oder Französisch. Mit unwichtigem bullshit lassen sich nicht nur Portale, die von Werbung leben, füllen, sondern auch Blogs! 😉 Hier muss nun ein Smiley stehen! Ein Wort, das längst im deutschen Duden verzeichnet ist, ein „Emoticon“ das wir einem Amerikaner verdanken.
Aber wieso sollte es schwulen Medien anders gehen als den Mainstream-Magazinen? Auch der „Spiegel“ müsste eigentlich eine Gebühr für den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf zahlen, so viele Artikel hat dieser dem Blatt ermöglicht: vom dummen Romney, vom unfähigen Obama (alles online auch im Live-Ticker) und jetzt – kaum entschieden – sagen wir den Amis, was sie künftig richtig machen müssen. Die USA, das ist – keine grün-linke Grauburger-Party kommt ohne dieses Statement aus – eine untergehende Weltmacht, eine lame duck. Seltsamerweise eine, auf die wir immerzu starren. Warum bloß? Wir fühlen uns politisch und gesellschaftlich den USA immer überlegen und führen uns entsprechend großkotzig auf.
Aber ohne die USA wäre unser Hetero- wie Homo-Leben recht ärmlich. Man muss wirklich dankbar sein, dass es die USA gibt, dass es in den USA eine so vitale, kreative LGBT-Szene gibt. (LGBT – jenes Wort, das deutsche Korrektheitswächter neuerdings verzweifelt mit LSBT ersetzen, ein geradezu rührender Akt! und bei dem Wort gender haben wir alle Versuche der Eindeutschung aufgegeben.) Man muss sich die „OUT100“-Liste der USA ansehen, dann kommen einem die Tränen, wie prächtig man dort Engagement präsentiert! In Deutschland  will die Mehrheit schwuler Promis mit anderen Schwulen nichts zu tun haben und hält sich öffentlich von der Szene fern, deren Dunkelräume sie samstags doch gerne benutzt.
Ohne die USA, etwas konkreter: ohne die dortige Bürgerrechtsbewegung, wäre die deutsche Schwulenbewegung gar nie entstanden. Ohne die Formen des Protestes aus den USA hätten wir keine Rituale wie die CSD-Paraden. Und heutzutage, wo die Politik ja alle nur noch langweilt, und die Ökonomie die schwule Welt regelt, haben wir die amerikanische Wirtschaft als bösen Buhmann und die amerikanischen Touristen, um unsere ansonsten gähnend leeren Kneipen zu füllen. Gäbe es nicht die amerikanische Medien-Industrie, gäbe es die ikonischen Bilder unserer schwulen Welt nicht: kein Steifer bei Tom of Finland, keine Träne bei „Brokeback Mountain“. Es gäbe wahrscheinlich nicht einmal Ralf König Comics.
Selbst noch die Forderung nach einem Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe musste durch US-amerikanische Initiativen der „Marriage Equality“ belebt werden – in Deutschland hatten wir uns längst mit einer zweitklassigen Partnerschaft abgefunden (und genau genommen kämpfen wir auch jetzt nicht für unsere Rechte, sondern schreien nach deutschen Gerichten und warten ab). Eine Initiative wie „It gets better“ wäre hier völlig undenkbar (und wenn, dann wahrscheinlich nur, wenn irgendein Schwulenverband sich dafür Projektmittel vom Staat verspricht).
Die USA waren und sind ein schrecklich faszinierendes Land. Ein wunderbarer Ort, um gedanklich – wer mag: auch physisch – der drögen deutschen Sattheit zu entfliehen. In den USA lässt sich immer noch jener eigenständige republikanische Bürgersinn – im besten Sinne! – erahnen, der der schwulen Welt in Deutschland mit ihrer gesellschaftlichen Selbstgenügsamkeit und mit ihrer staatstragenden Anbiederung an die Geldtöpfe der darüber verfügenden Hetero-Politiker längst abhanden gekommen ist. Hier gäbe es noch manches, was nachahmenswert wäre.
Vielleicht sollte die schwule Welt hierzulande Thanksgiving tatsächlich in ihren Feiertagskalender übernehmen. Man könnte die Regenbogenfamilie feiern und sich bei einem schönen Stück Tofu mit Truthahngeschmack über amerikanische Tugenden unterhalten, in einem politischen wie gesellschaftlichen Sinne, und die ständige deutsche Häme und Schadenfreude (ein Wort, das auch Amerikaner kennen) über die ach so awful americans mit einem Glas Cranberry-Saft hinunterspülen.

© Rainer Hörmann / November 2012

P.S.: Der Artikel ist natürlich typisch deutsch! Amerikanisch wäre es gewesen, so anzufangen: „Wir können stolz sein auf das, was wir alle miteinander erreicht haben. Ich bin dankbar für die vielfältigen Impulse, die ich in meinem Leben von euch allen bekommen habe. Ganz besonders für das, was unsere US-amerikanischen Brüder und Schwestern für uns getan haben. Vielleicht – das amerikanische „Maybe“ hat die Qualität des deutschen „Aber“ – wäre es gut, einige aktuelle Ereignisse daraufhin zu betrachten, was sie uns sagen könnten, um die Sache noch besser machen zu können?“ Doch diesen Anfang spare ich mir auf, wenn ich dann mal als Redner zur 1. Schwulen Danksagen-Party eingeladen werde …
P.P.S.: Ich nehme an, die „Brigitte“ wird uns ein leckeres Rezept „Schwuler Truthahn“ zur Verfügung stellen …

Advertisements

2 Responses to “Danke USA!”


  1. 1 Jeff November 10, 2012 um 6:49 pm

    Interesting… (the web translator isn’t great on the word order, but I think I’ve got the gist of it.) Some refreshing candor.

  2. 2 RH November 10, 2012 um 9:00 pm

    I put the text into the „google translator“ and am quite astonished how well it was translated in general. But if the number of my american readers (with you and Dwight already 2) increases I will think about an own english version of Saturday Is a Good Day 😉


Comments are currently closed.



Das Buch zum Blog

Archiv

Kreuz-und-queer-Blog