Nur Linien auf Papier? „Stripped“ stellt schwule Comics vor

Markus Pfalzgraf stellt seinem Buch „Stripped“, einer „Geschichte schwuler Comics“ von Tom of Finland über Ralf König bis Patrick Fillion, ein Zitat von Robert Crumb voran: „Es sind nur Linien auf Papier, Leute!“ Damit dürfte der heterosexuelle Altmeister das Spannungsfeld von Comics zwischen Banalität und gesellschaftlicher Sprengkraft ganz unisexuell auf den Punkt gebracht haben. Auch Comics, die schwule Sexualität und schwules Leben thematisieren, vermögen – je nachdem – zu erregen. Was nun die zielgruppeninterne Erregung angeht, nutzt die Anthologie den Umstand, dass  schwule Comics kaum ohne des Mannes bestes Stück auskommen, ausgiebig. Schwule Emanzipation bedurfte und bedarf auch der (provokativen) Sichtbarmachung schwuler Sexualität! Immerhin werden auch andere, teils jüngere Künstler vorgestellt, die versuchen, ein komplexeres Bild von schwulem Leben zu zeichnen.

Den Auftakt von „Stripped“ machen – wahrscheinlich unvermeidlich – Comics von Tom of Finland. Nachdem der Meister und auch seine Epigonen abgehandelt sind, wird es spannender und das Buch weitet den eigenen und den Blick des Lesers.
Mit Howard Cruse, dem Redakteur der Gay Comix, wird nicht nur die Fetisch-Nische verlassen, sondern auch die Tiefe erkennbar, die Comics fern der Wichsvorlagenschwelle haben können. In „Stuck Rubber Baby“ verknüpft der Zeichner Cruse in einer in den Südstaaten angesiedelten Geschichte die homosexuelle Emanzipation mit der Bürgerrechtsbewegung der ‚schwarzen’, der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA. Auf 13 Seiten bietet „Stripped“ einen kurzen Einblick in das Werk von Cruse.
Danach stellt Markus Pfalzgraf ebenfalls recht ausführlich den niederländischen Zeichner Theo van den Boogaard vor – und ich gebe gern zu, dass dies für mich eine echte Entdeckung war. Ihn präsentiert Pfalzgraf neben jüngeren Landsleuten wie Flo oder Ype, wobei Letzterer mit seinen „Fotostrips“ schon einen Grenzbereich des Comic-Genres markiert.
Dann wird Ralf König mit einer Doppelseite abgehakt (um gleich darauf im Kapitel HIV/Aids bemüht zu werden). Das ist, mit Verlaub, angesichts des Platzes, der Tom of Finland eingeräumt wird, merkwürdig. Scheinbar wird König als sattsam bekannt vorausgesetzt, sein Erfolg löst dann aber immerhin noch die Verwunderung aus, wie es die Knollennasen vom Underground- zum Mainstream-Comic schafften? Gute Frage – die Antwort „Er war der richtige Mann zum richtigen Zeitpunkt“ ist dann allerdings selbst für den begrenzten Platz mehr als dürftig.
Spätestens hier offenbart sich eine der Schwächen des Buches. Die zeitgeschichtlichen Umstände der Entstehung von Comics bleiben unausgesprochen: Kein Wort zur gesellschaftlichen Situation zu Zeiten Tom of Finlands, kein Wort zum Klima im Deutschland der achtziger und neunziger Jahre – und kein Hinweise auf die auch heutzutage mangelhaften Möglichkeiten in Deutschland für Comiczeichner zur Veröffentlichung (von fehlender finanzieller Honorierung ganz zu schweigen). Ganz außen vor bleiben neue und junge Zeichnerinnen und Zeichner, die bislang ausschließlich im Internet veröffentlichen – die damit nicht nur auf neue technische Entwicklungen reagieren, sondern auch neue Wege des Veröffentlichens suchen. Im gesamten Buch ist die Fallhöhe zwischen den künstlerischen Konzepten zwar augenfällig, bleibt jedoch im erläuternden Begleittext unthematisiert.
So kommt es denn auch zu dem merkwürdigen Umstand, dass das Buch mit Tom of Finland als dem „Maß aller Dinge“ beginnt und mit schwulen Charakteren in amerikanischen Comics von „X-Men“ bis „Archie“ endet. Genau diese Dinge haben aber nichts miteinander zu tun. Dass in amerikanischen Mainstream-Comics die Heiratswut unter schwulen Helden ausgebrochen ist, verdankt sich einer gesellschaftlichen Debatte – und definitiv nicht den gigantischen Schwänzen der Ledermachos des Tom of Finland, auch wenn diese rein chronologisch am Anfang einer Geschichte des gezeichneten schwulen Lebens bzw. gezeichneter schwuler Sexualität stehen.

Zurück zum Verlauf des Buches: Im Kapitel „Europa – Kontinent des Comicstrips“ werden jüngere Veröffentlichungen und Zeichner überblicksartig vorgestellt, illustriert mit Comics u.a. von Swen Marcel, Thilo Krapp und Christian Turk. Sehr mutig, auch an Wolf Mülls „Müllcomic“ zu erinnern – in zeitlicher Nähe zu Ralf Königs achtziger Jahre Macho-Comix veröffentlichte „homoerotische Comic-Strips“ mit der schönen Unterzeile „Wer das liest, ist schwul!“
Der Ausbruch der HIV/Aids-Epidemie steht für einen tiefen Einschnitt in das schwule Leben – insofern ist es folgerichtig, die Auswirkungen auf den Comic-Bereich eigens zu thematisieren. Hier nun ist ein Strip von Ralf König zu lesen und – für mich einer der wenigen angenehmen Ruhepunkte im gesamten Band – ein Auszug aus „Positief“ des belgischen Zeichners Tim Boudon.
Ein Kapitel „Zensur und Skandal“ thematisiert knapp die Beschränkungen, denen schwule Comics sich ausgesetzt sahen bzw. sehen – und macht einen etwas merkwürdigen Bogen zum japanischen Markt und dem Werk Gengoroh Tagames. Diesem wird man weder mit dem Label „zensiert“ noch mit „knallharter Porno“ gerecht.
Tagame ist ein Ausnahmekünstler im Grenzbereich, weitaus radikaler als etwa Tom of Finland – gerade weil Tagame das Destruktive der Männlichkeit thematisiert. Seine besten und beunruhigendsten Arbeiten sind die, die sich am japanischen Kodex der männlichen Ehre entlangschlängeln und mit der Auslöschung der Hauptfigur enden – teils episch bis zur Kitschgrenze überhöht im Verblassen des Strichs auf dem weißen Blatt,  teils plakativ als Slasher-Comic mit Kettensäge. Das ist tatsächlich an der Grenze des Erträglichen – das Buch spart dies alles aus und verkürzt Tagame auf das Pornografische (und zwar sowohl auf das Pornografische der Darstellung von Sex wie auf das der Gewalt).
Nach einem Verweis auf gängige Mangas landet man beim kanadischen Zeichner Patrick Fillion – und Tagames düstere Schwarz-weiß-Welt wird wieder bunt, spaßig und knallig.
Ich gebe zu, dass ich die Seiten zum Zeichner Mioki gleich überblättert habe – und auch wenn ich dem Künstler sicher unrecht tue, es ist eine Art von Comic, die mich zeichnerisch wie inhaltlich unerträglich langweilt. Auch beim folgenden Oliver Frey hat meine überbordende subjektive Rezeption den Schnellgang eingelegt. Sicher kein Zufall, dass im Kommentar zum abgedruckten Comic erwähnt werden muss, dass der Titelheld 18 Jahre ist – der Hinweis ist nötig, denn wahrnehmungstechnisch liegen Freys jugendliche Helden eher unter der Volljährigkeit.
Etwas unvermittelt taucht der Name von Dale Lazarov auf – er ist kein Zeichner, sondern Autor, ein „Skript-Schreiber“ für Zeichner. Ein Hinweis, dass Comics auch Teamarbeit und Kooperationen sein können. Vielleicht eine zukunftsweisende Perspektive und Alternative zum ja doch meist allein kämpfenden Zeichner, der Story über Zeichnung bis Kolorierung und Lettering selbst stemmt.
Zwei Interviews am Ende lassen ob ihrer Kürze eher enttäuscht und unzufrieden zurück. So darf Henri Dhellemmes vom französischen Verlag H&O nöhlen, dass sich die Presse nicht für die schwulen Werke von Fillion oder Tagame interessiert. Warum sollte sie auch? Und der deutsche Comic-Papst Andreas Knigge darf den Cocktail-Party tauglichen Satz sagen, dass schwul gar kein Kriterium sei, sondern es allein darum ginge, ob ein Comic gut sei oder nicht. Na denn!
Aber auch wenn mich der Ausgang des Buches nicht so überzeugt hat, „Stripped“ ist ein vergnügliches Buch zum Schmökern geworden, mit informativen, wenn auch nicht erschöpfenden, Kommentaren, ein guter Einstieg in die Vielfältigkeit schwuler Comics bzw. deren Schöpfer, ein Buch, das einen gern glauben lässt, was Autor Markus Pfalzgraf in seinem Epilog verkündet: Dass noch viele weitere Zeichner und Anthologien zu entdecken sind.
Das wirkliche Schlusswort gibt einige Seiten zuvor aber eigentlich der Zeichner Franze vom italienischen Duo Franze und Andärle – deren Seeräubergeschichte „Black Wade“ auch in den Fluten meiner persönlichen Bücherstapel dahintreibt. Er schätze den Zeichner Fillion, erfahren wir, und dass er dennoch ein anderes Kunstverständnis hat: „Er würde die Penisse nie so groß zeichnen, da das etwas von der Erotik wegnähme.“

© Rainer Hörmann / Oktober 2012

Markus Pfalzgraf: „Stripped – A Story of Gay Comics“, 256 Seiten, Bruno Gmünder Verlag, November 2012, Preis: 29,95 €.

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