Den Respekt verloren?

Mit einer fragwürdigen Nominierung haben sich die Verantwortlichen des Respektpreises vom Berliner Bündnis gegen Homophobie nicht nur blamiert. Sie verspielen leichtfertig eine der wichtigsten Grundlagen schwul-lesbischen Lebens: die Solidarität derer, die uns im Kampf für gleiche Rechte wirklich unterstützen.

Das vom Schwulen- und Lesbenverband Berlin-Brandenburg initiierte Bündnis gegen Homophobie vergibt jährlich im November einen Respektpreis. Mit ihm sollen „Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens für ihr Engagement gegen Homophobie und für die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Lebensweisen gewürdigt“ werden.
Dafür haben die Verantwortlichen in diesem Jahr vier Personen „nominiert“. Schon allein das eine höchst peinliche Vorgehensweise, die man wohl in der Hoffnung auf ein bisschen Spannung und „Oscar“-Feeling gewählt hat.
Nun fand sich auf der Nominierungsliste in diesem Jahr auch der Name des Berliner Erzbischofs Rainer Maria Woelki. „Fand“, weil dieser einen Tag nach der „frohen Botschaft“ eine Nominierung ablehnte. Das spricht für Woelki und gegen die Verantwortlichen. Diese hatten in einer Begründung Woelki als „die erste hochrangige Persönlichkeit der Katholischen Kirche, die sich öffentlich für ein neues Miteinander mit Homosexuellen in der Gesellschaft ausspricht“, gelobt. Und ein wenig selbstverliebt wies man darauf hin, dass sich Woelki zu einem Gespräch mit dem LSVD Landesverband getroffen hatte. In der Begründung war nichts davon zu lesen, dass Woelki bei aller menschlichen Freundlichkeit kein Jota von der katholischen Lehre abgewichen war, die Homosexualität bestenfalls „akzeptieren“ will, wenn sie nicht (sexuell) gelebt wird.
Sollte man sich beim LSVD/beim Bündnis gegen Homophobie durch die obskure und provozierende Nominierung Aufmerksamkeit erhofft haben, so ist dies gelungen. Nur vielleicht nicht ganz so, wie man es sich erhofft hatte. Man löste nicht nur Verwunderung aus, sondern es hagelte heftige Kritik – und dass der Nominierte gleich selbst die Reißleine zog angesichts der Unprofessionalität der Verantwortlichen, machte die Sache komplett: ein PR-Gau, eine Blamage für den LSVD Berlin-Brandenburg, der für sich selbst klären sollte, ob das Verhalten und die Haltung seiner öffentlichen Vertreter noch tragbar sind. Aber viel schlimmer wiegt der Umstand, dass damit die gesamte Auszeichnung desavouiert wurde! Die Verantwortlichen des Respektpreises haben den nötigen Respekt für ihren eigenen Preis verloren.
Das Verhalten des LSVD und die Nominierung von Woelki ist eine Beleidigung aller, die sich für die Rechte von Lesben und Schwulen und für ein Miteinander (auch und gerade im Kampf gegen Homophobie) einsetzen. Sie haben es nicht verdient, dass ihre wertvolle Arbeit, ihr Engagement zu einem billigen PR-Klamauk verkommt, mit dem sich die Verantwortlichen lieb Kind bei vermeintlich Mächtigen der katholischen Kirche machen wollten. (Und nur als Seitenbemerkung: Es ist auch nicht respektvoll gegenüber Woelki, ihn durch die anscheinend nicht mit ihm abgesprochene Nominierung in eine Zwangslage zu bringen.)
Was soll aber Gabi Decker denken? Sie wurde ebenfalls nominiert. Und sie hat sich wirklich jahrelang für das Mehrgenerationenhaus in Berlin ins Zeug gelegt, sie ist Schirmherrin der Schwulenberatung, einer der wichtigsten Institutionen, die die schwule Welt hat. Was für eine beschämende Herabwürdigung ihres Engagements, sie auf eine Stufe mit einem Vertreter der katholischen Kirche zu stellen, dessen einzige Leistung darin besteht, Kaffee mit dem LSVD getrunken zu haben und öffentlich nicht mehr allzu laut gegen uns zu hetzen.
Was für eine Schande gegenüber einem wachen, kritischen wie selbstkritischen Geist der Menschenrechtlerin Seyran Ateş. Man muss die Ansichten der Menschenrechtsaktivistin gar nicht immer teilen, aber in ihrer Leidenschaft ist sie authentisch und aufrecht. Ihr Leben und ihre Arbeit wurden und werden konkret, physisch bedroht. Es wäre das mindeste, an ihrer Seite zu stehen – und nicht die wohlfeile Nähe zu Woelki zu suchen, nur weil er nett ist.
Ohne die Solidarität „anderer“ Menschen, ohne gegenseitige Hilfe und ohne die Unterstützung von Männern und Frauen aus der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft und ohne VorkämpferInnen aus unseren eigenen Reihen wäre die schwul-lesbische Community, wären „wir“ nicht da, wo wir heute sind. Seit gut zwei Jahrzehnten frei von Gesetzen, die explizit unsere Verfolgung erlauben, und seit mindestens einem Jahrzehnt akzeptierter Teil einer pluralen, demokratischen Gesellschaft. Akzeptiert heißt in diesem Fall nicht, dass es keine Diskriminierung, keine Schikane, keine Gewalt im Alltag und gegen den Einzelnen gäbe, sondern dass eine Mehrheit der Gesellschaft Homosexualität nicht ablehnt, homosexuelle Politiker ebenso akzeptiert wie eine relativ sichtbare schwule Infrastruktur von der Kneipe bis zum schwulen Museum.
Diejenigen, die uns auf dem Weg zu gleichen Rechten unterstützen, haben nicht nur ein großes Herz, sondern meist auch ein klares politisches Verständnis dafür, dass mit der Verteidigung der Rechte von Minderheiten Menschenrechte generell geschützt werden, also auch die der heterosexuellen Mehrheit.
In Bündnissen mit Menschen, Gruppen und Institutionen der Gesellschaft gelingt es uns als Minderheit einerseits, uns einzubringen, uns sichtbar zu machen, andererseits sind diese Bündnisse auch ein Schutz und bis zu einem gewissen Grad auch eine Gewähr, dass sich die Verhältnisse nicht plötzlich wieder gegen uns kehren.
Diese Bündnisse sind wertvoll, diejenigen Männer und Frauen, die Schwule und Lesben, Bisexuelle, Transsexuelle, Transgender Menschen unterstützen, sind wertvolle Menschen. Wir sollten diese wichtige und angenehme Solidarität schätzen und nicht leichtsinnig verspielen.

© Rainer Hörmann / Oktober 2012

5 Responses to “Den Respekt verloren?”


  1. 1 Ralf Oktober 13, 2012 um 10:44 am

    Da kann ich nur mal wieder, lieber Rainer, jedes Wort dick unterstreichen.

  2. 2 bajazbasel Oktober 13, 2012 um 11:43 am

    Lieber Rainer!
    Es gibt so eine unterschwellige, allgemeine Tendenz, „politische Korrektheit“ und Nachgiebigkeit gegenüber allen, die uns nicht gerade totschlagen.
    In der Schweiz zeigt sich das immer mehr. Nach der ePartn. und dem Adoptions-„Recht“ scheint es keine anderen Perspektiven mehr für Schwule und Lesben zu geben. „So wie die Heteros“ – und nicht mehr als bis dahin. Punkt. Ende?
    Ausserdem wird öffentlich das Bild von Ehe (viele nennen sich jetzt „verheiratet“) und von „wir können auch so sein wie ihr“ gepflegt. Das ist sowohl für Schwule, als auch für die Gesellschaft nicht wirklich vorwärts bringend!
    Zudem gibt es auch bei uns eine anstehende Vergangenheitsbewältigung für die Zeit von 1942-1992 (Schutzalter 20 gegen 16) und die Zeit der medizinischen Kastrationen bis in die 60er Jahre…

  3. 3 Micha Oktober 13, 2012 um 1:35 pm

    Lieber Rainer, was für ein Blödsinn! Klassischer Fall von „nicht bis zu Ende gedacht“. Für mich macht die Nominierung Woelkis durchaus Sinn, auch wenn ich Ihn nicht wählen würde. Aber sobald es um Kirche geht drehen die linken Schwulen durch. Ich finde das vom LSVD einen cleveren Schachzug, den Kardinal ins Rennen zu schicken. Und lassen wir doch mal die Bündnismitglieder entscheiden, anstatt blind Sturm zu laufen.

  4. 4 termabox Oktober 13, 2012 um 3:10 pm

    Auf den Punkt gebracht, volle Zustimmung! Danke für die klaren Worte!

  5. 5 Bruno Gmunder Oktober 13, 2012 um 6:03 pm

    Das Bündnis gegen Homophobie und der LSVD sind schon verschiedene Initiativen. Bündnismitglieder sind die Deutsche Bank, SAP ebenso wie die Jüdische Gemeinde und viele andere. Insofern steht weniger der LSVD im Fokusmder Kritik als das Bündnis selbst. Welche taktischen Überlegungen auch immer dazu geführt haben, Woelki zu nominieren, so ist das Ergebnis eine erhebliche Beschädigung für das Bündnis und den Respektpreis. Wenn Woelki ernsthaft vom Bündnis als ein mutiger Kämpfer gegen Homophobie vorgestellt wird, fragt sich jeder schwule Mann, ob er die letzten Jahre auf dem Mars in Urlaub war. Und das schätzt die gering, die Mut aufbringen mussten, viel Energie und Engagement gezeigt haben. Schade, dieses Eigentor.


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