Der homosexuelle Kampfschwimmer

Der homosexuelle Mann … beginnt Elmar Kraushaar seine Kolumne in der „taz“. So allgemeine Aussagen will ich gar nicht treffen. Im Folgenden beschränke ich mich auf eine spezielle Untergruppe, über die ich in letzter Zeit verstärkt nachdenken musste: Der homosexuelle Kampfschwimmer …

steht seinem heterosexuellen Kollegen in nichts nach. Er ist ein toller Hecht und durchpflügt das Wasser wie der weiße Hai in 3-D. Links – rechts – links – Atmen – rechts – links – rechts – Atmen … Kerzengerade wie eine Harpune … Wehe, es kommt ihm jemand in die Bahn. Der homosexuelle Kampfschwimmer kennt nur ein Ziel … sich selbst! Ausweichen? Würde der homosexuelle Kampfschwimmer nie. Umso entschiedener erzwingt er es von den anderen, die sich unglücklicherweise mit ihm im Wasser befinden. Denn der homosexuelle Kampfschwimmer kämpft nicht im weiten Meer gegen die wilde Brandung, er kämpft auch nicht beim Iron-Man-Wettbewerb im fernen Hawaii (obwohl er davon träumt): Der homosexuelle Kampfschwimmer – rechts – durchstößt – links – die Fluten – rechts – im öffentlichen Hallenbad – Atmen!
Hier kann er endlich Mann sein: kraftvoll, athletisch und vor allem: asozial. Zu irgendwas müssen die sechs Jahre in der Therapie doch gut gewesen sein, denn er hat seine Gewissensbisse überwunden, heute macht es ihm nichts aus ein Schwein zu sein. Er ist sich selbst der nächste: vor dem Spiegel, im Schwimmbad und im Bett. Er schwimmt im trendigen Ganzkörperanzug – das hat er im Urlaub am Strand gesehen oder vielleicht auch nur in einer Ausgabe von „Men’s Health“. Die stahlblaue Schwimmbrille vor den Augen färbt die Welt. Sein kleines Edelstahl-Proleten-Kettchen um den Hals hat er nicht abgenommen (jenes Modell, das es neuerdings wohl in jeder Mucki-Bude beim Abschluss eines 2-Jahres-Vertrages gratis dazugibt, so häufig wie Homosexuelle neuerdings damit den Party-Macho geben). Er überlegt, wieder eine Badekappe zu tragen, weil sein 1-Millimeter-Haarschnitt ihn vielleicht doch zu stark abbremsen könnte auf seiner Jagd durch die hellblauen Tiefen, während seine Augen auf die schwarze Linie auf dem Grund geheftet sind. In seinen Ohren ist genug Wasser, um ihn die Proteste der Luschen, die nicht schnell genug zur Seite schwammen, zu überhören.
„Survival of the fittest“ steht auf dem Magnetschildchen, das auf seinem Kühlschrank klebt. Er liest es jeden Morgen, wenn er ihn öffnet, und denkt darüber nach, während seine Hand auf dem Weg zur Milchpackung an den kleinen bräunlichen Ampullen vorbeigreift. Die sind von E. – prima Kumpel! Hat früher Autos getunt, heute tunt er Menschen, das ist letztlich doch lukrativer. „Survival of the fittest“, da ist schon was dran, das hat ihm auch der schamanische Führer bestätigt, bei dem er zur Visionssuche war und der ihn lehrte, dass auch in ihm, dem schwulen Weichei, als der er sich – trotz Therapie – manchmal und nur ganz heimlich immer noch empfindet (meist, wenn er aus Versehen bei einer Melodie von Barbra Streisand mitsummt), doch noch der Jäger steckt.
Letzte Nacht war er zur Jagd auf den blauen Seiten, hat sein Profil aufblitzen lassen – wann lernen diese Schwuchteln, diese fetten Quallen endlich, sein Profil auch zu lesen, bevor sie ihn – ihn, den Kampfschwimmer, das Alpha-Tier – anchatten und mit ihren Fragen nerven. Seine Leistungsnachweise stehen da – da steht auch, was er will: Klipp und klar! Er hat keine Zeit zu vergeuden. Er ist auf der Jagd und er nutzt die moderne Technologie zur Effizienz. Mit kleinen Fischen gibt er sich doch nicht ab. Er hat im Netz sein Netz aufgestellt, er scannt die Welt mit seinem Raster, sein Echolot reicht tief (denkt er jedenfalls) – und als moderner Jäger bietet er sich selbst als Köder dar – extra glänzend, um die Beute anzulocken. Tolle Fotos, die M. von ihm gemacht hat – prima Kumpel!
Andere Schwule sind dem homosexuellen Kampfschwimmer egal. Er braucht sie nicht. Dank des Internets hat er sich von der überflüssigen Szene befreit, diesem mühsamen, zeitraubenden Zufall, diesem Rumhängen in der Kneipe, dem lästigen „Hallo“-Sagen, bevor’s zum Ficken geht. Heute ist nach drei Messages alles klar, sonst blockt er den Typen – wirft ihn sozusagen zurück ins Wasser, soll er doch ertrinken, egal, wie gut der aussieht.
Der homosexuelle Kampfschwimmer braucht keine Szene und keine Community. Er braucht keine anderen Homosexuellen. Er kämpft für sich allein. Er braucht höchstens Männer für Sex. Rechts – links – rechts! Atmen.
Der homosexuelle Kampfschwimmer steht seinem heterosexuellen Kampfschwimmer-Kollegen in nichts mehr nach. Er kennt nur ein Ziel – sich selbst! Rechts – … rechts … Verdammt! Ein Krampf in der linken Wade. Hat er etwa vergessen, das Magnesium-Präparat zu schlucken? Der homosexuelle Kampfschwimmer strampelt, verliert den Rhythmus. Steigt mit leicht schmerzverzerrtem Gesicht aus dem Becken. „So ein Krampf in der Wade, das ist doch einfach nicht normal!“, denkt der homosexuelle Kampfschwimmer und humpelt zu den Liegestühlen. Für heute ist sein Kampf beendet.

© Rainer Hörmann / Oktober 2012

1 Response to “Der homosexuelle Kampfschwimmer”


  1. 1 Rainer Oktober 7, 2012 um 5:53 pm

    Da ist der rote Faden doch wieder : Des ungesunden Narzissmus, sich „das zu holen was Mann braucht“. Ob Schwul oder nicht. „Er“ muss sich auch beweisen besser zu sein als alle Anderen. Den Perfektionismus, den er mit sich betreibt, womit er sich selbst begrenzt – so ist auch seine Wahrnehmung. Sein ganzes Leben besteht aus Kämpfen und ist ebenso schonungslos mit sich. Sein Mantra pappt am Kühlschrank „survival for the fittest“. Das Leben was er lebt erscheint mir sinnlos und funktional. Werte die keine sind und ihn selbst entwerten als funktionierende Muskel-Maschine ohne tiefe Emotionen. Diese sind nur gestattet wenn „es ihm dient“. Für den nächsten „fast fuck“ mit neuen Pics zur Beutemaxmierung – wo „fette Quallen“ es wagen ihn anzusprechen.

    Die blauen Seiten müssen herhalten zum Ab und Aufwerten. Er sucht nach strengen Kategorien die geilen Kerle aus – nicht umgekehrt. Er bietet sich an und benutzt, gaukelt sich ein schönes Leben vor das doch inhaltlos ist, so flach wie seine Magnetbildchen und sucht „Erfüllung im Kampf gegen sich selbst“ und seine Einsamkeit stetig besser zu werden. Ist das auch ein Kampf im Bett ? Eine Sportveranstaltung ? Schwimmt er auch da an der Oberfläche wie anscheiend auf allen anderen Ebenen ?

    Ist alles auf Funktion ausgelegt ? Wann funktioniert das alles nicht mehr ? So wie ein kleiner Krampf ihn aus dem Rythmus wirft, dem er sich selbst unterworfen hat ? Es ist für mich ein armseliges Leben, was irgendwann zum Bumerang wird sich selbst auszubeuten. So wie ein Tatoo auf einem knackig 20 Jährigen in einem Alter von 60 oder mehr nicht mehr wirklich schön aussieht. Der Traum der ewigen Jugend. Sich nicht mit dem Tod beschäftigen wollen – sondern als ewig gleichbleibend funktionierende Maschine – wo man begrenzt mögliche Emotionen „nach Bedarf“ aktiviert – wo man nicht Alt werden will. Es gibt viele Wege sich selbst zu belügen.


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