Notizen für ein Lexikon des schwulen Körpers – Tattoos

Ich habe mit den Arbeiten für ein neues Buchprojekt begonnen: Das Lexikon des schwulen Körpers. In loser Folge werde ich Notizen, Beobachtungen und Fragen hier im Blog veröffentlichen.

Tattoos

Weniger ist mehr – eine Devise, die anscheinend nicht mehr für Körpertätowierungen gilt. Die kleinen „Tribal“-Zeichen, zackig, spitz, keltisch anschmiegsam und immer mit einem Hauch von SS-Rune unter dem friedvollen roten Herzen mit Banderole, haben sich vom rechten Schulterblatt längst über die Arme und den Oberkörper hinab zum Bauchnabel bis hin zum Abschluss: Adlerschwinge an der Ferse ausgebreitet. Zwischen den Schulterblättern steht „Sklave“, auf den gestählten Männerbusen prangt „Boss“, auf dem linken Unterarm steht keine Nummer, aber der Vorname. Wer in seiner Fitnessstudiogang keinen bekommen hat, lässt „Anger“ oder „Hass“ (natürlich in Fraktur) draufschreiben.
Zu hoffen ist, dass die Hyper-Inflation der – neuerdings gern farbigen – Tintenkleckse auf der Haut, auch den Höhepunkt dieser Mode markiert und ihr Ende folgt. Viel Platz ist ja auch auf dem größten Körper bald nicht mehr. Der moderne Zeitgenosse nimmt in seiner hilflosen Geltungssucht Zuflucht beim archaischen Männerkult – und was einst bei rauen Seemännern noch der Identität gedient haben mag, das verkommt in der kapitalistischen Warenwelt, für die der Körper wie die Seele nur Andockpunkte für Verkaufsstrategien sind, zur millionenfach reproduzierten Dutzendware. Das moderne Subjekt hat keine andere Wahrnehmung seines Körpers, als die, dass er zur Effizienzsteigerung und Zurichtung dient. In der Männerwelt sind Tattoos darum auch kein Zeichen einer irgendwie gearteten Individualität, sondern bezahlte Markierungen, mit denen man Zugehörigkeit zu einer – niemals wirklich existenten – Gruppe „echter Männer“ signalisieren will. Doch egal, wie tief und unter welchen Schmerzen die Tinte unter die Haut gestochen wurde, die Mitgliedschaft zum Stamm ist nur gekauft. Unterworfen hat man sich nicht der ersehnten männlichen Gemeinschaft, sondern einzig und allein den Regeln der Marktwirtschaft.

© Rainer Hörmann / September 2012

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