Warum es dann doch nichts mit dem Traummann wurde

Ein Dialog – inspiriert von einem kürzlichen Besuch einer Schwulenkneipe, wo ich zwar den Traummann nicht fand (und er mich auch nicht), aber miterleben und mithören durfte, wie zwei Männer ganz nah dran waren am großen Glück …

Warum es dann doch nichts mit dem Traummann wurde

Jetzt! Er hat’s genau gesehen, als er seinen Blick von dem geilen Hunk74 auf dem Display abwandte und den real lifeforms scan in der Kneipe local event location durchführte. Der Kerl gegenüber hat ihn angelächelt, und er war wild entschlossen, sich diese Chance nicht entgehen zu lassen und dem Objekt der Begierde face-to-face gegenüberzutreten …

„Du hast ein süßes Lächeln!“

„Du auch – jedenfalls wenn du nicht gerade mit deinem Handy beschäftigt bist.“

„iPhone – das ganz neue 7 Punkt 3 Strich 4 Premium Advanced App Cloud Enhancer, gibt es eigentlich nur in den USA und ist wahnsinnig teuer, aber na ja, wenn man wie ich …“

♪♫♪ Di-dudel-da-da-da-wum-bum-yeah-hey-hey-didel-da ♪♫♪

„Sorry, aber ich muss ran – mein Chef!“

„Um ein Uhr nachts?“

♪♫♪ Di-dudel-da … ♪♫♪

„Ja, Erique? Was ist los? Ja verstehe – ach, dieses Meeting – ist das nicht erst in einem halben Jahr? Aber toll, super, ne, klar, gut, dass jetzt schon zu erfahren, da kann ich optimal planen. Tschü-üs!“

„Magst du noch’n Bier?“

„Gern! Aber nur eins light – und Bio. Ja, sorry, du, aber war mein Chef – Verschiebung Termin Weihnachtsfeier. Wir treffen uns eine halbe Stunde früher. Das musste er mir mitteilen.“

„Nachts um eins?“

„Was … kleinen Moment – muss meine Private Schedule App aufrufen, wenn ich’s nicht gleich eingebe, vergesse ich es.“

„Hier ist dein light Bier …“

„Danke, das ist total …“

♪♫♪ Di-dudel-da-da-da-wum-bum-yeah-hey-hey-didel-da ♪♫♪

„Dein Chef hat was vergessen …“

„Sorry, das ist mir ja jetzt fast unangenehm … Ach, das ist meine Mama, du da muss ich ran!“

„Ja, Mutti … ja, ja – ja, ist das süüüß. Ne, der Geist vom Georg – wie putzig – du Mutti, ich bin hier gerade mit einem wirklich netten Mann in einem Gespräch … tschüüüssi. Ja, ich dich auch.“

„Gibt’s dich auch ohne Handy?“

„iPhone! Wie? Hast du denn keins?“

„Doch, aber nicht in der Kneipe!“

„Sorry – also erst mal Prost – tja, sorry, aber das war jetzt meine Mama, die ist gerade auf einer Kreuzfahrt zu den Galapagos-Inseln und ihr ist der Geist einer toten Schildkröte erschienen.“

„Und das musste sie dir gleich erzählen?“

„Wie? Ja, klar – du, Familie ist mir total wichtig.“

„Mir auch – ich versuche gerade, eine zu gründen.“

„Wie? Bist hetero, was?“

„So straight wie dein Han…iPhone … Das war ein Scherz!“

„Woher kommst du denn so?“

„Ich komme so aus D.“

„D.? Wo ist das denn?“

„Das ist …“

„Hier! Ich hab’s. Wow, immerhin 20 Google-Treffer. 70.000 Einwohner, nicht schlecht. Und das Wetter …“

„Das Wetter?“

„Warte, hier – meine Weather App. Also jetzt hat es 16 Grad in D. – und Sonnenschein!“

„Ich fänd’s schön, wenn du das Ding mal wegstecken könntest.“

„Wieso? Ach ja, klar, sorry, schon weg! Ich bin das so gewöhnt, weil ich halt einen wahnsinnig wichtigen Posten in der Firma habe. Da geht gar nix ohne das.“

„Was machst du denn?“

„Personal Document Account Executive Supervisor Assistant!“

„Und was ist das?“

„Kopierstelle in der Bibliothek. Sag, find ich dich auch bei Facebook?“

„Ne, ich hab nur ein Profil bei …“

„Nicht bei Facebook? Da bist du ja der letzte deiner Art – Ich will jetzt keine ernste Themen aufbringen, aber ohne FB bist du bald …“

„Tot?“

„Sozial schon. Und verdächtig! Hast du nicht über den Verrückten gelesen, der die Leute im Kino über den Haufen geknallt hat. Hätte man wissen können, dass der asozial ist – hatte kein Facebook-Account. Also keine Freunde, nichts!“

„Puh … na ja, …“

„Fand’s schon ein bisschen komisch, dass du mir bei Grindr nicht angezeigt wurdest eben.“

„Aber du hast mich auch so entdeckt, oder? Leibhaftig!“

„Ja, dein Lächeln … aber ich find’s schon gut, vorher ein bisschen über die Leute zu wissen. Worauf du so stehst und so?“

„Frag mich doch jetzt!“

„Jetzt? Hier? Wo’s alle mitkriegen?“

„Ääh …“

♪♫♪ Di-dudel-da-da-da-wum-bum-yeah-hey-hey-didel-da ♪♫♪

„Sorry, ich …“

♪♫♪ Di-dudel-da-da-da-wum-bum-yeah-hey-hey-didel-da ♪♫♪

„Lass gut sein, Mann!“

♪♫♪ Di-dudel-da-da-da-wum-bum-yeah-hey-hey-didel-da ♪♫♪

„Hey, bleib hier … Muss nur rasch … das ist meine Travel Booking Agency …“

♪♫♪ Di-dudel-da-da-da-wum-bum-yeah-hey-hey-didel-da ♪♫♪

„Schöne Reise!“

„Wellness-Outdoor-Soft-Walking unterhalb des Himalaya … wird bestimmt toll, ich schick dir nen Snapshot über Twitter … Hast du einen Twitter-Account? Hallo, ja, Susie, Schätzchen, hast du ein leckeres Asien-Häschen als Führer für mich buchen können?“

Weg ist er. Er kann es nicht fassen. Dreht der Kerl ihm einfach den Rücken zu! „Einen erst anbaggern und dann gleich abschieben, wenn er nicht im Mittelpunkt steht. Voll der Assi!“, denkt er. Auf seinem Gerät, das ihn mit der Welt verbindet, blinkt ein Zeichen: lthrsoxrubbergucciproll32 ist bereit für den Webcam-Chat. Auf dem Display sieht er den Traum von einem Mann …

© RH (Veröffentlich August 2012)

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1 Response to “Warum es dann doch nichts mit dem Traummann wurde”


  1. 1 Jeff August 4, 2012 um 9:15 pm

    Bittersweet.


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