Muskelmänner in der Unterwelt – Jeff Jacklins „Hearts & Iron“ 5

Vor kurzem hat Zeichner Jeff Jacklin eine neue, die fünfte Ausgabe seiner „Hearts & Iron“-Comics veröffentlicht. Es ist die Fortsetzung des „Entwined Lives“-Erzählbogens und einer in der Mythenwelt des antiken Griechenland angesiedelten Geschichte der Athleten Kallikrates und Ioannes. Deren Liebe muss sich dieses Mal sowohl über als auch unter der Erde bewähren …

Hearts & Iron 5 Cover

2001 erschien Heft 1 von „Hearts & Iron“. Ihr Debüt hatten die beiden Hauptfiguren John Sullivan und Carl Hanson bereits 1998 in einer Kurzgeschichte „Midway“ in „Gay Comics“ 25. In einer Art Kriminalgeschichte, die in unserer heutigen Zeit spielt, erzählt Jacklin in „Hearts & Iron“ 1, wie sich die beiden kennenlernten und verliebten.
Heft 4 wagt, nach einer kurzen Eröffnungsepisode mit John und Carl auf einer Waldwanderung, einen mystischen Zeitsprung und führt in die Welt von Kallikrates und Ioannes, frühere Verkörperungen von Carl und John.  Darum auch der Titel „Entwined Lives“, der sich auf Deutsch in etwa mit „Ineinander verschlungene Leben(swege)“ übersetzen lässt. Heft 5 entfaltet eine Geschichte von sportlichem Wettstreit der Athleten unter der Beobachtung der Götter, die immer mehr Prüfungen für die Männerliebe fordern – bis zum tragischen Unglück, der – griechische Mythologie lässt grüßen – die Liebenden letztlich in den Hades führt. Witzig, wie sowohl Charon der Fährman und der Gott Hades in Jacklins Version ausgetrickst werden.
Während in Heft 1 bis 3 die Spannung aus der Bedrohung durch Homophobie erwächst (zunächst subtil in der Form, dass Carl und John ihr Schwulsein vor anderen Männern etwa im Fitnessstudio zu verbergen versuchen, später offen feindselig durch einen Fanatiker), zeichnet Jacklin im „Entwined Lives“-Storybogen die Bedrohung als ein Spiel und eine Laune der Götter.

In der antiken griechischen Welt ist die Homosexualität der beiden Protagonisten kein Thema – sondern wird „natürlich“ akzeptiert. Soweit entspricht dies dem Mythos griechischer Kultur. Tatsächlich dürfte es sich natürlich um einen Mythos handeln. Kallikrates und Ioannes bleibt dadurch erspart, was für Carl Hanson und John Sullivan ein – wie ich finde: sehr spannendes Problem ist: Sich als schwules Paar, das einem bestimmten Männlichkeitsideal huldigt, sowohl in eine heterosexuelle Gesellschaft als auch in eine schwule Community einzufügen.
Als antike Helden sind die beiden Protagonisten hauptsächlich damit beschäftigt, sich aus dem Schlamassel, den ihnen die Götter eingebrockt haben, zu befreien. Die Götter / die Ordnung fordern sie nie heraus – was ja ein eigener, wenn nicht vielleicht der zentrale Kern der griechischen Mythologie ist: Stichwort: Prometheus.
Jacklins Zeichenstil ist geprägt von der Kultur amerikanischer Superhelden-Comics, aber mit ruhigem Strich und sanftem Bildaufbau, der sich immer wieder zu imposanten Einzelbildern verdichtet (etwa die Darstellung der Götter des Olymps, die sich zum Beginn der Spiele versammelt haben). Bezeichnenderweise ist es der Kampf zwischen den beiden Hauptfiguren, bei dem es sich Jacklin erlaubt, die Rahmen der für das Geschehen zu kleinen Panels zu sprengen!

Während die Geschichte von John und Carl in Heft 1-3 – der Kriminalgeschichte entsprechend – in scharfem Schwarz-Weiß-Kontrast gehalten sind (ein Hauch „Crime Noir“, den ich sehr mag!), verwendet er bei Kallikrates und Ioannes erstmals flächige Grautöne als Schattierung; sparsam auf den Körpern eingesetzt, geben sie diesen eine gewisse Plastizität.
Vermutlich ist Jeff Jacklin einer der letzten Vertreter einer romantischen Sexualität und Männerliebe, der männlich genug ist, das zuzugeben und – vor allem – auch zum Gegenstand seiner zeichnerischen Welt zu machen. Ich mag diesen Aspekt in Jacklins Arbeiten: Sein fast schon naiver, von einer sentimentalischen (im Sinne Schillers) Sehnsucht geprägter Glaube an die Freundschaft zwischen zwei Männern, zwischen Männern an sich, ohne, dass dies in männerbündlerische Allmachtsfantasien abgleitet. In vielerlei Hinsicht sind Jacklins Comics Idyllen, allerdings Idyllen, die sich mancher Bedrohung ausgesetzt sehen.
Man mag einwenden, dass seine Charaktere etwas allzu zufrieden im Rahmen der umgrenzten Comicwelt handeln. Zugleich gewinnen sie damit eine erstaunliche Eigenständigkeit und widerstehen den beiden Strömungen, die derzeit medial die schwulen Comics in schon fast unerträglicher Langeweile beherrschen: Schwule Comics haben entweder Wichsvorlage oder politisch-sexuell korrektes „Queer“-Comic zu sein.
Jacklin ist sich dieses Dilemmas wohl bewusst. Im S.i.e.g.T.-Interview hat Jeff Jacklin die Erwartungshaltungen eines schwulen Publikums einmal mit dem Satz „Ich erzähle eine komplexe Handlung, aber die Leute erwarten schlichtweg Porno“ umschrieben.
Man darf gespannt sein, wie sich der Zeichner künftig positioniert. Am Ende von „Hearts & Iron“ 5 wird uns nämlich der Sprung in die Welt der Wikinger angekündigt. Das verspricht kerlige Männlichkeit im rauen Nordwind, aber ganz sicher nicht ohne die nötige Portion Zärtlichkeit – beides Kennzeichen von Jeff Jacklins Geschichten wie seines Zeichenstils.
© RH / veröffentlicht Juli 2012

„Hearts & Iron“ 5 ist – in Englisch – als digitales Comic (PDF) für 4 US-$ erhältlich auf der Hearts&Iron-Internetseite.


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