Warum eigentlich gibt es zum CSD keine Geschenke?

Im schwul-lesbischen Jahreskreis hat der CSD für Homosexuelle ungefähr die Bedeutung, die Weihnachten für die gesamtsexuelle christliche Welt hat. Es ist unser Feiertag, dem keiner entrinnen kann – egal, ob man ihn mag oder nicht. Ein Heiland ist uns 1969 in der Christopher Street in New York zwar nicht geboren, aber …
ein überirdischer Funke war es schon, der in die Welt kam, als Männer und Frauen in einer Kneipe den Polizisten, die mal wieder eine Razzia machen und mal wieder Schutzgeld abkassieren wollten, Widerstand leisteten. (Und es ist sicher kein Zufall, dass sich in dem Namen der Kneipe STonewALL das Wort Stall wiederfinden lässt.)
Auch sonst sind die Analogien von Weihnachten und CSD klar: Weder bei der Parade noch beim Sitzen vor dem Tannenbaum weiß man noch so ganz genau, worum es eigentlich ging. Man weiß nur, dass das Fest jedes Jahr kommt, und verdrängt es bis kurz vor Ladenschluss. Man hat alle Hände voll zu tun, das Zusammensein mit der Familie zu organisieren und stellt die unerbittliche Grundfrage: Zu meinen oder deinen Eltern? in einem tieferen schwulen Sinne: Auf meinen oder deinen CSD? Also: Berlin oder Köln? Wahlweise muss schon mal der Weg nach Schwerin oder Oldenburg angetreten werden.
Wie der Besuch des kirchlichen Krippenspiels am Nachmittag des Heiligen Abends ist ja auch der ökumenische Gottesdienst am Morgen des CSD mittlerweile obligatorisch. Gute Homosexuelle lassen sich ihren Platz in den Kirchenbänken frühzeitig reservieren!
Man fummelt sich der Feierlichkeit des Anlasses entsprechend auf und trägt, ein bisschen kindlich gerührt, das Lametta vom Vorjahr, dass Großmutter sonst in die Zweige hängt, und statt Gänsebraten ist Boeuf Clicquot obligatorisch – na ja, zumindest in der gehobenen Homo-Schicht, die auf Anstand & Tradition wert legt. Und genau wie an Weihnachten kann man sich sicher sein, dass auch der CSD nicht ohne Streit abgeht („Du könntest dich wenigstens am Feiertag mal zusammenreißen und nicht dauernd anderen Männern hinterherglotzen!“)
Wie das Heilige Fest nervt natürlich auch der CSD jedes Jahr total ab und selten verlässt man die Parade ohne Gemaule über den Kommerz und ohne den Schwur „Dieses Jahr war es das letzte Mal, dass ich mitgemacht habe!“ – um sich dann 365 Tage später dem sozialen Druck bereitwillig erneut unterzuordnen. War ja doch nicht alles schlecht …
Nur einen wichtigen Teil des Weihnachtsfestes haben die Schwulen nicht übernommen: Die Geschenke! Warum bloß gibt es am CSD keine Geschenke?
Man könnte es ganz privat handhaben und dem Partner wahlweise der Wahlfamilie – für Jüngere: Wahlfamilie ist ein altmodisches Wort für ein real existierendes soziales Netzwerk – kurz vor Abmarsch zur Parade ein Präsent überreichen. Die Frage wäre natürlich, ob erst gehoben vorgeglüht wird und dann die Geschenke ausgepackt werden oder umgekehrt. Aber wirklich toll wäre es doch, wenn die angeblichen Hunderttausende Besucher des CSD alle mit kleinen, hübsch verzierten Päckchen auf der Parade erschienen – ausgepackt würde dann zeitgleich auf Kommando. Es gäbe ein großes Hallo und Miteinander statt des dusseligen Nebeneinanderlaufens, speziell wenn man sich für die Wichtel- bzw. Julklapp-Variante entschiede und einfach reihum geschenkt wird. Und man könnte alle Armani-Krawatten, Abercrombie-Pullover oder auch – wie originell – Pornostar-Dildos gleich anziehen und auf der Paradestrecke der Öffentlichkeit zeigen. Die Kölner könnten natürlich ihre eingeübte Variante machen: Die Geschenke (Höchstgewicht: 500 Gramm) würden vom Wagen geschmissen – dann müssten sie auch nicht mehr so lange grübeln wie bislang, ob es Karneval oder CSD oder Weihnachten ist. Et kütt wie et kütt.
Auch wirtschaftlich würden solche CSD-Geschenke zur Akzeptanz der Homosexuellen beitragen: Die Umsätze des Einzelhandels – und nicht nur der Tourismusbranche – würden noch mehr angekurbelt! Wo Geschenke, da auch Süßes: Es gäbe auch endlich spezielle Schoko-CSD-Häschen zu kaufen – man könnte die alten Schoko-Osterhasen nehmen. Man müsste sie nicht mal neu verpacken – die Goldfolie könnte dranbleiben, nur statt des kleinen Glöckchens käme ein Regenbogenfähnchen an die rote Schleife. Oreo-Kekse haben den Weg bereits vorgezeichnet: Statt schwarz-weißer kommt am CSD rot-orange-gelb-grün-blau-lila Zuckerschmiere zwischen die Keksdeckel!
Für die Wirtschaft würde sich das auszahlen, was der einzige wirkliche Unterschied zwischen Weihnachten und CSD ist: Während Heilig Abend nur am 24. Dezember ist und sich die Kirche bei soviel Knausrigkeit nicht wundern muss, dass die Leute wegbleiben, gibt es CSD-Paraden mittlerweile über ein halbes Jahr verteilt. Es würde also unentwegt geschenkt werden!
Es würden aber auch noch mehr Heterosexuelle mitmarschieren und Solidarität mit Schwulen und Lesben zeigen, weil auch sie Geschenke wollen!
Nun mag man einwenden, mit den Geschenken käme auch das große Homo-Gezicke. Aber mal ehrlich: Um zu zicken, haben wir noch nie einen Grund gebraucht. Es spricht wirklich alles dafür: Geschenke zum CSD wären eine wunderbare Bereicherung und ein deutlicher Ausdruck unseres Wunsches, an unserem heiligen Feiertag so selbstlos spendabel zu sein wie alle Normalen (!) nur an Weihnachten sein können. Nur ein bisschen öffentlicher – und selbstverständlich mit ein bisschen mehr Lametta!

PS: Nachfolgend die Links zu meinen Wunschlisten bei zahlreichen Online-Shops …

Text: © RH (veröffentlicht 7. Juli 2012)

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4 Responses to “Warum eigentlich gibt es zum CSD keine Geschenke?”


  1. 1 Hans-Georg Juli 8, 2012 um 8:33 am

    Toller Artikel – hab mich sehr amüsiert. Ich werde den mal demnächst zum Anlass nehmen, ihm einen kleinen Blogbeitrag bei mir zu gönnen – mit Link natürlich.

  2. 2 RH Juli 8, 2012 um 8:36 am

    Ich bin gespannt!

  3. 3 Holger Juli 8, 2012 um 2:36 pm

    Ich schließe mich Hans-Georgs Worten an: Toller Artikel und schöne Idee. Ich freue mich schon auf die Gesichter der geschenke-schnorrenden Heteros, wenn sie beim Jullklapp mit den ausrangierten Dildos der schwulen Spender konfrontiert werden.


  1. 1 Bedient der CSD Klischees sowie Stereotypen… « Gay-Party-Guide and more… Trackback zu Juli 15, 2012 um 7:27 pm
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