„auch schwul“ – Wird Jan Stöß der neue Wowereit?

Der Berliner „Tagesspiegel“ nennt Jan Stöß einen „Streber – knallhart und romantisch“, der „Süddeutschen“ kommt er nicht als neuer „Volkstribun“ vor und gegenüber der „Bild“ findet es Stöß gut, dass sein Schwulsein keine große Rolle spiele. Am Wochenende wurde der 38-jährige Kreisvorsitzende der SPD Friedrichshain-Kreuzberg und Sprecher des linken Flügels der Partei zum neuen Landesvorsitzenden der Berliner Sozialdemokraten gewählt.
Er gewann die Wahl gegen den bisherigen Amtsinhaber Michael Müller. Der galt als langjähriger Vertrauter des Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit – weshalb die Abwahl Müllers allgemein als Niederlage für Wowereit gedeutet wird. Zumal Wowereit auf dem Landesparteitag noch eindeutig Partei für Müller ergriffen hatte.
Schwule und Lesben kamen in Stöß‘ Rede zur Kandidatur nicht vor, auch ein klares „Und das ist gut so“ tauchte nicht auf sowenig wie auf seiner Internetseite und dem dortigen Lebenslauf ein Hinweis zu finden wäre. Was dort fehlt, ist im „Tagesspiegel“ zu lesen: „Ein geselliger Genussmensch, schwul, zwei Meter groß, mit einem gewinnenden Lächeln. Kräftiger Händedruck. Jeans und Sakko oder Anzug, stets mit offenem Hemd.“ Zuerst stand der Hinweis auf Stöß‘ Homosexualität – soweit ich es sehen kann – in der „Süddeutschen“:  „schwul, ein kluger Taktierer, den selbst sein Rivale Müller als analytischen Kopf respektiert. Ein Volkstribun aber ist auch er nicht und keiner, der wirkt, als fühlte er sich dazu berufen, Berlins nächster Wowi zu werden.“
Ob sein Schwulsein Privatsache sei, will die „Bild“ wissen. Was Stöß verneint: „Ich selbst bin auch schwul und finde gut, dass das heute keine große Rolle mehr spielt.“
Immerhin: Wenn Not am schwulen Mann ist, scheint Stöß auch zur Community zu stehen: Als 2008 drei Lesben nach einem Drag-Festival und ein schwuler Mann in seinem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg überfallen worden waren, rief er gemeinsam mit Maneo zu einer Mahnwache auf: „Kreuzberg und Friedrichshain sind leider nicht die Insel der Seeligen, für die manche unseren Bezirk in Sachen Toleranz halten. Wir müssen Solidarität mit den Gewaltopfern zeigen, aber auch ein klares Zeichen an die Täter senden, dass Gewalt in unserer Mitte keinen Platz hat“, schrieb er damals in einer Pressemitteilung als Kreisvorsitzender. Und im August letzten Jahres zeigte er sich zusammen mit Wowereit auf dem schwul-lesbischen Parkfest in Berlin-Friedrichshain.
Sicher: Als Landeschef der Berliner SPD hat Stöß erstmal genug zu tun,die Situation von LGBT  ist wahrscheinlich nicht das drängendste Problem der Sozis. Ob sein Schwulsein allerdings wirklich so gar keine Rolle spielt, darf bezweifelt werden. Im September letzten Jahres – die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus stand an – hatten, laut „taz“, Unbekannte ein Plakat von Jan Stöß beschmiert: „Achtung schwul und das ist nicht gut so“.


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