Lebensort Vielfalt eröffnet – Berlins schwules Mehrgenerationenhaus

Am Freitag wurde in Berlin offiziell das schwul-lesbische Mehrgenerationenhaus eröffnet. In der Niebuhrstraße im Bezirk Charlottenburg leben künftig alte und junge Schwule, Frauen, Lesben unter einem Dach. Es ist der Abschied von der nicht realisierbaren Idee eines schwulen Altersheimes und die Rückkehr der Idee einer Hausgemeinschaft, die das Leben miteinander teilt und füreinander da ist. Berlins Regierender Bürgermeister nannte den „Lebensort Vielfalt“ ein singuläres Projekt, das mit seinem Modellcharakter aber eine hohe Symbolkraft besitze – weit über die Grenzen Berlins hinaus. Mehr zu den Eröffnungsreden und Fotos nachfolgend …

Der fast 300 qm große Saal des „Wilde Oscar“ war überfüllt. Dort, wo künftig ein Café-Restaurant im Erdgeschoss des Wohnhauses  zum Verweilen einlädt, hatten sich einige hundert Gäste zur Eröffnungsfeier eingefunden. Erster Redner war Marcel de Groot, Geschäftsführer der Schwulenberatung Berlin, die das Projekt des generationsübergreifenden Wohnens realisierte. Sichtlich stolz nannte er das Wohnhaus einen Schutzraum und einen Ruhepol. „Das Haus ist die Summe vieler Menschen, die die Stadt bunter und toleranter machen wollen“, sagte de Groot und erinnerte daran, dass Schwule und Lesben eine Minderheit seien, die von der Mehrheit akzeptiert werden müsse. Nach wie vor gebe es Diskriminierung, die einen solchen Ort rechtfertige. Das Haus solle „Mut machen, für sich selbst zu kämpfen“.

Als de Groot von den Schwierigkeiten sprach, die es bei der Realisierung des Projektes zu bewältigen galt, konnte er es sich nicht verkneifen zu erwähnen, dass auch Brandschutzbestimmungen immer wieder hätten angepasst werden müssen. Ein Wink an Klaus Wowereit, in dessen Wohnung wenige Tage zuvor ein (kleines) Feuer ausgebrochen war. Der Regierende Bürgermeister, sichtlich wohlgelaunt, griff den Ball auf und sagte, er freue sich, dass im Mehrgenerationenhaus auch der Brandschutz eine Rolle spiele. Als Mitglied im Stiftungsrat der Deutschen Klassenlotterie war Wowereit maßgeblich an der Entscheidung beteiligt, das Modellprojekt mit drei Millionen aus Lottomitteln zu unterstützen. So wichtig das Haus sei, gebe es zugleich stets die Vision einer Gesellschaft, in der solche Schutzräume nicht mehr nötig seien.
Barbara John sprach in ihrer Funktion als Vorstandsvorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtverbands Berlin vom Lebensort Vielfalt als einem Ort mit einer wichtigen Botschaft für jene (ost)europäischen Länder, in denen Schwule und Lesben noch massiv ausgegrenzt werden: „Es kann besser werden und wir werden euch dabei unterstützen.“
Reinhard Naumann, schwuler Bezirksbürgermeister Charlottenburg-Wilmersdorfs, erinnerte sich daran, dass er 1982/1983 „mit Herzklopfen“ die Coming-out-Gruppe der Schwulenberatung (damals noch in Kreuzberg) aufgesucht hatte. Es sei einigen einmaligen Konstallationen zu verdanken, dass die Immobilie in der Niebuhrstraße, die einst eine Kita war, nicht als Liegenschaft des Landes Berlin veräußert und für den Ausgleich eines maroden Haushalts verwendet worden wäre. Naumann nannte es „eine einmalige Weichenstellung, die so heute wohl nicht nochmals möglich wäre“.

24 Wohnungen hat das Haus, 33 Personen wohnen seit Mai 2012 im Lebensort. Mehrheitlich sind es schwule Männer, der jüngste 31, der älteste 85 Jahre alt. Aber auch heterosexuelle Frauen und Lesben haben dort ihre neue Heimat gefunden. Im zweiten Stock ist eine WG demenzkranker Männer untergebracht nebst einem Pflegedienst, der bei Problemen auch den anderen Hausbewohnern weiterhilft. Die Schwulenberatung ist mit ihren Büroräumen ebenfalls in der Niebuhrstraße vertreten wie das schon erwähnte Café-Restaurant „wilde Oscar“.
Mit Gabriele – erste Bewohnerin im Mehrgenerationenhaus! -, Gottfried, dem ältesten Bewohner, und Bernd, dem Sprecher der Mieter, stellte der Moderator der Eröffnungsfeier, DAH-Pressesprecher Holger Wicht, drei Bewohner des Hauses vor. (Und an dieser Stelle sei schon erwähnt, dass S.i.e.g.T. Bernd bald einen Besuch abstatten und von seinen ersten Eindrücken aus der neuen Wohnung berichten wird. Mit Bernd habe ich ja bereits für mein Buch „Immer wieder samstags“ ein Interview geführt.)

Der Soziologe Rüdiger Lautmann übernahm es, sich mit einigen Kritikpunkten am Mehrgenerationenhaus auseinanderzusetzen. „Ghetto oder Schutzschild?“ war sein Vortrag überschrieben. Den Vorwurf, Schwule und Lesben betrieben mit einem solchen Projekt Ausgrenzung bzw. Selbstdiskriminierung, könne man ruhig auf sich sitzen lassen, da ein solches Projekt letztlich dem Vorankommen in gesellschaftlichen Fragen diene. Mit dem Mehrgenrationenhaus werde eine soziale Infrastruktur neben der kommerziellen Szene geboten. Macher und Mieter des Lebensort Vielfalts seien „Pioniere für einen neuen Stil der Gemeinsamkeit“.

In einem kleinen Rahmenprogramm zeigte die Gruppe „Gay not grey“ einen kleinen Vorgeschmack ihrer Modenschau der besonderen Art. Der Cellist Julian Arp führte ein Stück auf, dass der israelische Musiker Gilad Hochman eigens für die Eröffnung komponiert hatte. Und zuletzt gab Entertainerin Gabi Decker, die als Schirmherrin das Projekt viele Jahre unterstützt hatte, unter großem und dankbaren Beifall den Debby-Boone-Klassiker „You Light Up My Life“ zum Besten.

Am Samstag, 9. Juni 2012, gehen die Eröffnungsfeierlichkeiten weiter. Dann können ab 14 Uhr beim Tag der Offenen Tür das Mehrgenerationenhaus besichtigt werden, ab 18 Uhr gibt es eine Modenschau von „Gay not Grey“, moderiert von Maren Kroymann, anschließend Party mit DJane Monique.

Link: Internetseite Lebensort Vielfalt

1 Response to “Lebensort Vielfalt eröffnet – Berlins schwules Mehrgenerationenhaus”


  1. 1 Zöpfchen Friedrich Juni 10, 2012 um 9:25 pm

    Es gibt mir enorme Zuversicht für die Zukunft der Altenbetreuung. Ich hoffe, daß wir soetwas auch in Wien zustandebringen.
    Meiine besten Wünsche begleiten Euch in die Zukunft die beispielhaft ist!


Comments are currently closed.



Das Buch zum Blog

Archiv

Kreuz-und-queer-Blog