“Aus Platzgründen” NDR verweigert queer.de Akkreditierung für ESC

Die Kollaboration mit dem autoritäten und (sehr freundlich gesagt) homosexuellen-unfreundlichen Regime Aserbaidschans scheint bei den ESC-Verantwortlichen des NDR erste Spuren zu hinterlassen: Wie “queer.de” mitteilte, wurde dem schwulen Internetportal eine Akkreditierung für den Eurovision Song Contest in Baku verweigert. Als Grund geben die Verantwortlichen des Senders “Platzgründe” an. Man habe “lediglich 100 Presse-Akkreditierungen für den ESC in Baku” erhalten, heißt es bedauernd in der Begründung, die seien “restlos vergeben”.
Bei “queer.de”, immerhin Deutschlands größtes Online-Medium für Schwule, ist man einigermaßen verblüfft, schließlich hatte man im letzten Jahr die Berichterstattung über den Liederwettstreit (damals in Düsseldorf) noch ausgebaut. Norbert Blech, Redakteur bei “queer.de”, hatte zusammen mit seinem Kollegen Jan Gebauer in einem Live-Blog berichtet – und zeigt sich auf Nachfrage von S.i.e.g.T. einigermaßen verärgert über die Entscheidung des NDR:
“Es kann nicht sein, dass der NDR als öffentlich-rechtliche Anstalt willkürlich seine Akkreditierungen vergibt und ein wichtiges Medium der LGBT-Zielgruppe, die auch für den Eurovision Song Contest relevant ist, komplett ignoriert.”
In einer Beschwerde an die Verantwortlichen weist Micha Schulze, Managing Editor bei “queer.de”, darauf hin: “Der ESC lebt (auch) von seinen treuen schwulen Fans.” Dass also ausgerechnet eines der maßgeblichen Magazine ausgeschlossen werde, hinterlasse “hinsichtlich der restriktiven Situation in Aserbaidschan einen besonders negativen Beigeschmack”. (Mehr in einem Beitrag auf queer.de.)

Tatsächlich ist die Begründung des NDR mehr als hanebüchen, wenn man weiß, dass alljährlich Dutzende von “Journalisten” Zugang zu den Presse-Materialien und Konferenzen erhalten, die niemals auch nur eine einzige Zeile abliefern – meist sind es Fans, die sich – wie auch immer – den Zutritt ergattert haben.
Vielleicht nicht in einem inhaltlichen, so doch in einem zeitlichen Zusammenhang steht der Ausschluss von “queer.de” mit einer konzertierten Aktion gegen deutsche Kritiker der Menschenrechtssituation in Aserbaidschan. So attackierten ARD-Chefredakteur Thomas Baumann und der schwule ESC-Hofberichterstatter des NDR und Taz-Journalist Jan Feddersen zeitgleich den Grünen-Abgeordneten Volker Beck, derweil Aserbaidschan eine Hetzkampagne gegen Deutschland startete. Baumann wies Vorwürfe über eine unangemessen Berichterstattung über die Lage in Aserbaidschan zurück. Die ARD habe “mehrfach über Missstände und Demokratiedefizite in Aserbaidschan berichtet”, man werde aus der ESC-Übertragung “keine Jubelfeier zugunsten der dortigen Machthaber machen und die politischen Verhältnisse im Ausrichterland weiterhin kritisch begleiten”. Jan Feddersen nannte Beck in seinem ESC-Blog einen “Lordsiegelbewahrer der politischen Korrektheit”, der keine Ahnung habe, wovon er spreche. Und das Ausrichterland selbst startet eine Kampagne gegen Deutschland und deutsche Kritiker.
In einem Beitrag für “Frankfurter Rundschau” bzw. “Berliner Zeitung” zitiert Journalist und ESC-Experte Elmar Kraushaar einen aserbaidschanischen Menschenrechtler mit der Aussage, es gebe mittlerweile “eine regelrechte Schmutzkampagne gegen Deutschland”. So werde Frankfurt am Main als Stadt der Arbeitslosen, Nutten und Drogenabhängigen dargestellt, der Menschenrechtsbeauftragte Löning müsse sich als “Trunkenbold” denunzieren lassen. “Der Ton ist rauer geworden”, schreibt Kraushaar, “dabei wollte sich die autoritär geführte Regierung Aserbaidschans mit einem spektakulären ESC von ihrer Schokoladenseite zeigen”.
Für diese Schokoladenseite hat Aserbaidschan auch eine PR-Agentur beauftragt, die mit fragwürdigen Formulierungen über den Rechtsextremen Horst Mahler, der wegen Volksverhetzung in Haft ist, reüssiert. (Mehr auf “LobbyControl”)

Nachtrag 5.5.: Wie wir erfahren haben, gibt es nun doch eine Akkreditierung. War wohl noch  ein Plätzchen in irgendeinem Schrank frei! Hüstel! Hüstel!


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