Der gesenkte Kopf

Andere Zeiten – andere Haltungen. Im ersten Text der Samstagsgedanken versuche ich einem Phänomen nachzuspüren, das ich seit geraumer Zeit beobachte. Vorallem in Kneipen, die doch Orte des Miteinanders sind – aber mit wem ist man miteinander? Und wie gelingt ein Miteinander, wenn alle die Köpfe gesenkt haben?

Der gesenkte Kopf

Die Zeiten, in denen schwule Männer erhobenen Hauptes durch die Straßen liefen, herausfordernd um sich schauend – diese Zeiten sind passé. Auch in den Kneipen gehört das Gesicht, das das sich in seiner Schönheit selbstbewusst den anderen Gästen zeigt, mit Augen, in die zu schauen sich lohnt, der Vergangenheit an.
Es regiert der gebeugte Rücken mit dem gesenkten Kopf.
Erzwungen von und in gewollter Verbeugung vor der handlichen Hardware, die uns mobile Kommunikation, ständige Erreichbarkeit und unendlich viele Möglichkeiten verspricht.
Immer mehr Spaziergänger, einst aufmerksame Flaneure, immer mehr Besucher von Kneipen nehmen ihre (!) Kommunikation mit. Sie tragen sie in Form des kleinen flachen Rechtecks mit sich wie eine Trophäe, die sie nicht preisgeben wollen. Meine Kommunikation gehört mir. Sie sind auch unter anderen Menschen ganz bei sich und die anderen Anderen tragen sie im Mobile (im Handy) mit sich. Sie bleiben denen verbunden, die sie gespeichert haben, deren URL sie haben, deren User-Namen sie haben, und bleiben unter sich.
Welch unendlich trauriges Bild, wenn am Tresen eine Reihe von Männern sitzt, die den übrigen nicht nur den Rücken zuwenden. Früher haben sich noch versucht, im Spiegel des Gläserregals die Reflexe des Schatzes, der hinter ihnen vorüberging, zu erhaschen.
Heute ist ihr Gesicht fast andachtsvoll vom Licht des Displays erhellt, über das sie sich beugen.
Kneipen waren schon immer Wartesäle des Glücks. Der moderne Mensch, wenn er sich in seiner permanenten Mobilität überhaupt noch hier einfindet, vertreibt sich die Zeit mit dem Checken von E-Mails, dem Studieren der Wetter-App, dem Schicken von SMS-Nachrichten an das Date, über das man alles weiß und das nicht zu kommen scheint, oder auch mit dem Herausfischen der optimalen Beute in unmittelbarer Nähe mit Hilfe des Netzes einer geosozialen Software.
Das Starren aufs Display, auf den kleinen Ausschnitt, aus dem die Welt aufscheint, suggeriert Geschäftigkeit, wo es doch gelte, einfach nur zu waren. Es suggeriert Kontrolle, wo man sich doch letztlich verloren glaubt.
Gehoben wird der Kopf nur noch, wenn das Laden einer Internetseite auf dem Smartphone länger als 20 Sekunden dauert und man, trainiert durch die Schnitttechnik des Films, bereits das nächste Bild finden muss. Oder der Kopf hebt sich, wenn die eingetroffene SMS das Nahen des Partners verkündet hat: „Bin gleich da!“
Rückblick: In schwulen Cafés hat man früher verzweifelt den Kopf in die zerlesene Zeitung vom Vortag versenkt, um der offenen Situation zu entgehen. In schwulen Kneipen am Abend, da gab es diese Ablenkung nicht, da musste man sich ins Gesicht schauen lassen. Es gab nur wenig Licht. Das schwule Halbdunkel half, die Konfrontation zu mildern.
Heute regiert in Cafés wie Kneipen der gesenkte Kopf in seinem eigenen Halbschatten. Es ist der Kopf, der nur sich selber kennt. Es ist der schwere Kopf der Effizienz, der den unmittelbaren Kontakt scheut und ihn durch die Filter der Technik beherrschbar zu machen sucht. Es ist der gesenkte Kopf des Duckmäusers, der glaubt, den Sturm der unerträglichen Ungewissheit überstehen zu können. Es ist der gesenkte Kopf, der im Hier und Jetzt bereits die technisch-digitale Karte des Anderswo studiert.

Anderswo ist es immer besser!

Das Bier geht zur Neige und um sich das zweite zu bestellen, muss man den Barkeeper anschauen. Gibt es noch keine Bestell-App der Kneipe zum Herunterladen? Am Besten gleich mal nachschauen, den Kopf senken.
Vielleicht passiert es ja doch noch, dass einen ein Mann körperlich berührt, einem die Hand freundlich auf die Schulter legt, und so zwingt, den Kopf zu heben, um wenigstens für einen Augenblick erhobenen Hauptes der Welt ins Gesicht zu sehen.

© Rainer Hörmann

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