Kusswechsel! Gedanken zum Mahnmal für die verfolgten Homosexuellen

Lange wird es sich nicht mehr küssen – das Männerpaar in der filmischen Endlosschleife als Teil des Mahnmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, das seit 2008 am Rande des Berliner Tiergarten steht, gegenüber des Stelenfeldes, das an die ermordeten Juden erinnert. Ab Donnerstag wird ein von den Künstlern Gerald Backhaus, Bernd Fischer und Ibrahim Gülnar verantworteter Film zu sehen sein. Dann werden sich auch Frauen küssen. Und Männer. Gedanken über das Mahnmal anlässlich des „Kuss-Wechsels“.

Sofern mir nicht, wie im letzten Sommer, das Fahrrad geklaut wird, gehört es zu meinen liebsten Beschäftigungen in dieser Stadt, die nicht mehr die meine ist, durch den Tiergarten zu radeln. Vorbei an der Tuntenwiese, rüber über die Hofjägerallee, Zwischenstopp im Rosenhain und dann weiter Richtung Brandenburger Tor.
Ich kann es nie vorhersagen, wie meine Gefühle sein werden, wenn ich erstmals den eigentlich hässlichen, schräg verschobenen Klotz erblicke. Mal erfüllt mich eine große Traurigkeit, mal erfüllt mich Stolz. Mal ist mir zum Kotzen, weil diese Stadt so voller Aggression und Desinteresse steckt, wenn Menschen angegriffen werden, mal möchte ich jubeln, weil es wunderbar ist, die Freiheit zu genießen, die Freiheit zu lieben – unter einem blauen Himmel, bei Sonnenschein und bei Regen.
Manchmal radele ich achtlos am Mahnmal vorbei – keine Zeit, keine Zeit! Manchmal sehe ich, dass jemand eine Rose oder einen Blumenstrauß vor das Mahnmal gelegt hat. Dann halte ich an und überlege, wer dies getan haben könnte. Manchmal radele ich weiter zur Stelle, wo das Mahnmal für die ermordeten Sinti und Roma erricht werden soll. Seit Jahren kommt es nicht voran.

Als der Entwurf des Künstlerduos Michael Elmgreen und Ingar Dragset erstmals veröffentlicht wurde, fand ich ihn sehr überzeugend. Eine gute Idee, dass das Mahnmal für die von den Nazis verfolgten Schwulen und Lesben in Form und Material auf das gegenüberliegende Stelenfeld von Eisenmann verweist. Heute befremdet mich die kühle Art des grauen Klotzes. Die Unbeholfenheit, zu der es jeden zwingt, der davorsteht. Die dürftige Ausschilderung, die ausgebleichte Infotafel, die in Bodennähe in gehörigem Abstand zum Mahnmal angebracht ist. Keine Bank zum Rasten, zum Verweilen. Sitzen verboten. Warum eigentlich? Derweil rauscht der Autoverkehr in 20 Meter Abstand vorbei. Wie auch alle Gefühle im Großstadtmoloch verrauschen – keine Gelegenheit, sie irgendwo irgendwie festzuhalten.
Dass wir ein Mahnmal, finanziert durch den Staat, haben, ist gut. Es steht für die Verankerung von homosexueller Geschichte im staatlichen Gedenken. Für die aktuellen Probleme muss das nichts heißen. Es ist für Politiker ein Leichtes, sich mit korrekter Erinnerung an das Grauen der Nazi-Zeit zu schmücken und dennoch den Lebenden gleiche Rechte vorzuenthalten.
Zum Jahrestag der Befreiung von Auschwitz werden wieder Kränze vor das Mahnmal gelegt. Das anwesende Jet-Set wird seine symbolische Arbeit verrichten. Das muss man aushalten. Es gibt viele Kämpfer, die sich aus ehrlicher Gesinnung für das Mahnmal eingesetzt haben. Überlebende aus der Nazi-Zeit werden keine mehr zugegen sein. Das Mahnmal macht sich nicht die Mühe, die Namen der getöteten Schwulen aufzulisten. Es fehlt ein Dokumentationszentrum, ähnlich dem unterhalb des Stelenfeldes. Namen, wenigstens Namen.
Mir fallen einige Namen von Überlebenden ein. Mir fällt die Dokumentation „§ 175“ ein, in der Überlebende porträtiert werden. Sie weinen, und es ist so unendlich traurig, dass ich den Film nicht nochmals anschauen mag. Aber Namen von getöteten Schwulen? Namen von verfolgten Lesben?
Es ist bedauerlich, dass der Streit, ob und in welcher Form die Geschichte der Lesben ins Mahnmal einbezogen wird, lange eine sachliche Darstellung der unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten und verschiedenen Bedrohungssituationen von Schwulen und Lesben in der Nazi-Zeit verhinderte.
Altmodischer Solidaritätsgedanken meinerseits? Und eine Müdigkeit, feinzüngig wie andere, lesbischen Jüdinnen das Recht abzusprechen, sich als Lesben zu sehen, wo sie doch von den Nazis „als Jüdinnen“ verfolgt wurden.
Der Wettbewerb für eine neue Filmsequenz im Mahnmal war denn auch eine Farce – und ein schlechtes Zeichen für gelassene Demokratie. Weil es Kritik gab an der ursprünglichen Idee, das küssende Männerpaar durch ein sich küssendes Frauenpaar auszutauschen, haben die Verantwortlichen nicht nur den Wechsel um zwei Jahre absichtlich hinausgezögert. Herausgekommen ist auch der übliche Nenner: Jetzt küssen sich verschiedene gleichgeschlechtliche Paare – jung, alt, Mann, Frau. Politische Korrektheit, fein ausgeklüngelt. Das ist nicht per se schlimm, aber ein deutliches Zeichen, dass es um Machtfragen der heute Lebenden geht, um Herrschaftsansprüche und auch um eine Interpretation des Vergangenen. Deshalb werden weitere Debatten folgen, ganz egal, wie gut die neue Filmsequenz dann gefallen wird oder nicht. Was mich wieder auf eine bessere Dokumentationsstelle in der Nähe des Mahnmals bringt. Dann könnte auch der gefürchtete Lesben-Kuss eingebettet werden in historische Information. Symposium „Solidarität von Schwulen und Lesben – damals und heute“ inklusive.
Wird das Mahnmal eigentlich von „den“ Schwulen und Lesben akzeptiert? Ich weiß es nicht. Ein subjektiver Eindruck ist, dass sehr viele Touristen dem Mahnmal einen Besuch abstatten.
Es gibt auch andere Erinnerungsorte in Berlin: Die Tafel am U-Bahnhof Nollendorfplatz oder die dunkle (äußerst schwer lesbare) Stehle vor dem Wohnhaus Magnus Hirschfels, wo einst das Wissenschaftlich-humanitäre Komitee gegründet wurde. Goldene Stolpersteine im Asphalt, z.B. in der Motzstraße. Die Gedenkstätte des ehemaligen KZ Sachsenhausen liegt vor den Toren Berlins. Das Schwule Museum am Mehringdamm – hier findet man Informationen zur schwulen Geschichte. Andere Städte haben ihre eigenen Gedenkorte und Mahnmale. Aus persönlichen Gründen schätze ich immer noch den „Engel“ sehr, den die Künstlerin Rosemarie Trockel in Frankfurt am Main aufstellen konnte. Sein Kopf, abgeschlagen und wieder aufgesetzt. Das fügt sich nicht wirklich wieder, da kann nichts verheilen.


Dieser sichtbare Bruch fehlt mir im Mahnmal von Elmgreen und Dragset. Stattdessen abweisend kühl mit voyeuristischem Blick ins Innere.
Der Männerkuss lässt mich kalt. Erst vor anderthalb Wochen habe ich mir die Filmsequenz des aufeinander fixierten Paares mit meiner Schwester, die zu Besuch war, nochmals angeschaut. Rührend nur der Moment, in dem der eine der Männer seinen Kopf dem Betrachter zuwendet und einen direkt anblickt. Stumm.
Eigentlich ist es mir egal, wer sich künftig wie im Mahnmal küsst.
Hauptsache, es wird geküsst. So viele Jahrzehnte, so viele Jahrhunderte, in denen Homosexuelle sich nicht oder nur heimlich küssen durften. So viele Momente heute – in der U-Bahn, in der Straße, beim Kinobesuch -, in denen die über Jahrzehnte antrainierte Vorsicht, diese Millisekunde des Zögerns überwunden werden muss. Immer noch.
Im Mahnmal läuft der Kuss in der Endlosschleife – gut so. Es kann gar nicht genug geküsst werden. Wir haben immer noch jede Menge Küsse nachzuholen. (RH)

Und wer einen Eindruck haben will, wie es sich neuerlich nun küsst >>> hier klicken!

1 Response to “Kusswechsel! Gedanken zum Mahnmal für die verfolgten Homosexuellen”


  1. 1 Fabian Januar 23, 2012 um 11:21 pm

    Wie ich aus gut unterrichteter Quelle höre, soll es sich um eine Prosa-Miniatur, eine affirmative, tragikpoetische Collage handeln, das Zyklisch-Lesbische nachgerade gewaltsam aufgebogen, von einer bei aller Sparsamkeit und Disziplin ungemein suggestiven Bildern und gleichwohl existanzialistischer Schlichtheit, aber von unerbittlicher Homokonsequenz

    Casting und Requisite, Storyboard, Special Effects und Typographie des Abspanns, Musik (Chor, Flötistinnen, Triangel) und Maske, Beleuchtung, Filmschnitt und historische Begleitung, Stunts, Kostüme und Hauptrolle Alice Schwarzer.

    Kurzfassung:
    Alice Schwarzer küsst Angela Merkel. Angela Merkel küsst Guido Westerwelle. AliceSchwarzer küsst Kai Diekmann. Kai Diekmann küsst Bettina Wulff. Bettina Wulff küsst Alice Schwarzer …
    (der Schluss soll natürlich eine Überraschung für die Premiere bleiben!).

    Erinnerung an meine ausserordentliche Lobeshymne vom 27. Mai 2010:
    Berliner Homo-Mahnmal, ein Juwel an Betroffenheit, Ästhetik und Kreativität

    http://schwul-gay-satire.blogspot.com/2010/05/berliner-homo-mahnmal-ein-juwel.html


Comments are currently closed.



Das Buch zum Blog

Archiv

Kreuz-und-queer-Blog