„Wenn du im Otto-Katalog auf die Männer-Unterwäsche siehst“ Zum Tod des Gründers des Otto-Versands

Kurz vor Weihnachten ist Werner Otto, Gründer des Otto-Versands, im Alter von 102 Jahren gestorben. Sollte jemals noch eine ernstzunehmende schwule Geschichte geschrieben werden, die schwule Bewegung nicht ausschließlich in der Abfolge von politischen Flugblättern versteht, dann müsste diese auch Werner Otto Tribut zollen. Nein, nicht weil er homosexuell gewesen wäre. Das war der dreimal verheiratete Vater von fünf Kindern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht. Werner Otto ist Teil der schwulen Geschichte, weil er mit dem Katalog seines Versandhauses, dem berühmten, telefonbuchdicken Otto-Katalog, unzähligen von schwulen Männern, zumindest meiner Generation, anregende Stunden bot.
Ich kann mich noch genau daran erinnern, wie ich aufgeregt und hastig die Seiten durchblätterte, hoffend, dass jetzt endlich Schluss sein würde mit den bonbonfarbenen Blusen für Frauen mit Dauerwellen und endlich die Abteilung Herren, speziell: Herrenunterwäsche kam. Nicht mehr genau erinnern kann ich mich, wie alt ich eigentlich war. Vierzehn, fünfzehn, sechzehn Jahre? Irgendwie späte 70er. Es war die Zeit, wo ich noch mit Mädchen flirtete, mich aber schon Bilder von Männern erregten, ohne dass ich da irgendeinen Konflikt sah. Ich kannte das Wort homosexuell und wäre niemals auf die Idee gekommen, es könnte mich meinen. Damals waren die Seiten des Otto-Katalogs, auf denen Männer mit nacktem Oberkörper die Herrenunterwäsche präsentierten, für mich wie ein Erotik-Magazin. Ich genoss es heimlich auf meinem Zimmer, nachmittags. Abends lag der Katalog dann wieder unschuldig auf dem Couchtisch, damit meine Mutter ihn mit ihren kleinen Zettelchen versehen konnte, was in die engere Auswahl für die endgültige Bestellung kam.
Man wird das jetzt möglicherweise despektierlich finden, denken, ich meine das als Witz, um den Gründer des Otto-Versands lächerlich zu machen. Nein, nicht im Geringsten. Ich meine es ganz ernst: Der Otto-Katalog war wirklich wichtig in meiner Pubertät und für mein erwachendes sexuelles Begehren. Es gab damals nicht diese Flut der sexualisierten Werbung überall, ab und an eine halbnackte Frau, irgendein Filmplakat mit Bo Derek im weißen, nassen T-Shirt – aber nackte Männer in der Werbung, auf Titelbildern? Fehlanzeige! Die Gesellschaft war weit entfernt vom metrosexualisierten Männerbild, das heute von der Baumarktwerbung bis zur Kosmetikanzeige alles dominiert. Es gab damals letztlich nur weiblichen Sexappeal für eine männlich-heterosexualisierte Gesellschaft. Insofern haben die weiblichen Models des Otto-Katalogs vielleicht nicht jene Bedeutung, die die Männer für Schwule hatten. Ende der 70er war der Playboy bereits salonfähig und für erwachsen aussehende Jugendliche auch am Kiosk zu haben. (Möglicherweise war der Otto-Katalog aber auch für Scharen von Hetero-Jugendlichen eine Wichsvorlage – aber keiner meiner heterosexuellen Freunde hätte je davon erzählt.)
So ganz kann der Otto-Katalog seine Bedeutung für Homosexuelle übrigens bis heute nicht verloren haben. Im Forum von „GuteFrage.net“ findet sich die Frage „Was muss geschehen damit ich als schw** gelte?“ (Die Sternchen sind Original-Zitat!!!) und in einer Antwort vom August 2010 heißt es:
„Wenn du im Otto-Katalog mehr auf Männer-Unterwäsche siehst, mehr die interessanten Männer als die Frauen bemerkst, bei dem Anblick eines Mannes Herzklopfen (oder andere körperliche Erscheinungen) bemerkst, könntest du schwul sein.“

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5 Responses to “„Wenn du im Otto-Katalog auf die Männer-Unterwäsche siehst“ Zum Tod des Gründers des Otto-Versands”


  1. 1 Fg68at Dezember 27, 2011 um 9:15 pm

    In Österreich hatte diese Funktion der Quelle-Katalog (Quelle hatte seit 1965 eine Österreich-Tochter). Habe schon mehrmals davon gehört oder gelesen.

    Da wir so ein Teil nicht zu Hause hatten begnügte ich mich mit diversen kleineren Broschüren, die manchmal im Briefkasten lagen. Und einmal habe ich mir einen Sommerkatalog der Sportartikelkette Sport Klepp (später von Hervis gekauft) besorgt.

    Was mich etwas störte war, dass selten Teenager oder Twens Models waren. Oft waren es nur Kinder oder Erwachsene nach 30.

  2. 2 Micha Dezember 27, 2011 um 9:47 pm

    Jo, da ging’s mir in der Pubertät genau wie dem Autor. Bin allerdings auch mit dem Quelle-Katalog fremdgegangen 🙂

  3. 3 Rich Rubin Dezember 28, 2011 um 10:32 am

    Ein schöner Nachruf.
    Bei mir war es auch der Quelle-Katalog.

  4. 4 Ludger Dezember 28, 2011 um 1:30 pm

    Mein Tip: Neckermann, der hatte immer die erotischsten Teile. Ansonsten: ja, die Kataloge hatten eine magische Anziehungskraft. Es gab auch ein paar Jahre in denen im ADAC Magazin in der Mai-Ausgabe (das weiß ich noch ganz genau) die Firma HOM ganzseitige Anzeigen geschaltet hatte. Das war auch eine Offenbarung! Ab da kaufte ich meine Unterbüxen selbst!

  5. 5 Thomas Dezember 28, 2011 um 7:24 pm

    haha herrlich! Ich kann mich auch noch genau an die Zeit erinnern als ich mir heimlich den OTTO Katalog genommen habe und in meinem Zimmer die Männerunterwäscheseiten „studierte“ 😉
    Am Besten warn die Sommerkataloge, weil da noch mehr halbnackte Männer in Badehosen abgebildet waren. Ganz aufgeregt war ich, wenn ein neuer Katalog rauskam und neue Unterwäschefotos drin waren. Konnte es dann kaum abwarten bis meine Eltern im Bett warn und ich ihn mir schnappen konnte 🙂


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