Die Vermessung des Ledermannes

Leder von Langlitz genießt in der schwulen Fetischwelt einen besonderen Ruf. Das liegt einerseits an der Qualität, andererseits daran, dass eine ganz bestimmte Lederjacke der Firma, nicht zuletzt durch die Arbeiten des Zeichners Tom of Finland, zur Ikone und zum Prototyp des „klassischen“ Ledermann-Outfits wurde.


Die Vermessung des Ledermannes – Langlitz Leder

Über die amerikanische Kultmarke Langlitz Leather zu schreiben, heißt, auch über ein Stück schwuler (Fetisch-)Geschichte zu schreiben. Denn ohne Langlitz wären viele Zeichnungen Tom of Finlands nicht vorstellbar, die mit ihrer Hyper-Maskulinität bis heute die Ästhetik und die erotische Vorstellungen großer Teile der Lederszene prägen.
Ross Langlitz, 1918 in Plymouth im US-Bundesstaat Idaho geboren, war ein Motorradrennfahrer, dessen Leidenschaft auch nach einem Unfall und dem Verlust des rechten Beines anhielt. Die Legende will, dass er während des Krankenhausaufenthaltes lernte, wie man Lederhandschuhe fertigte. Es folgten Jacken, die er für sich und Freunde schneiderte. 1947 gründete Ross Langlitz dann in Portland, Oregon, eine eigene Firma. Mit der „Columbia“ entwarf er die Urform der Biker-Jacke. Ihre Details waren hauptsächlich einem Kunden von Langlitz geschuldet: der Polizei von Portland. Der schwere Hüftgürtel, der „Sam Brown“ musste die Ausrüstung eines Police Officers tragen können, der Schulterriemen ursprünglich als Waffengurt gedacht. Zudem besaß die Jacke eine innen versteckte Pistolentasche. Komplettiert wurde die Jacke mit einer Rangers, der Lederhose im militärischen Schnitt der vierziger Jahre mit dem verstärkten Gesäßteil und den Seitenpolstern, und Stiefeln der Firma Wesco – die etwa 20 Meilen von Langlitz entfernt ihren Sitz hat.
Bei aller Funktionalität, die einschüchternde Wirkung der Kleidung war intendiert Mit den breiten Schulterpartien der Jacke und der kompakten Massigkeit des schweren Leders formte sie den Mythos vom harten, männlichen, kompromisslosen Highway Patrol Cop. Langlitz, das bedeutet sieben Kilo schweres Imponiergehabe. (Für Leichtgewichte: Heutzutage gibt es auch ein Modell von nur 2,5 Kilo Gewicht!). Ein männlicher Reiz, den der finnische Zeichner Touko Laaksonen gerne aufgriff und kultivierte. Unter dem Pseudonym Tom of Finland veröffentlichte er seit den späten fünfziger Jahren seine zeichnerischen Fantasien von Sex und männlicher Dominanz – im Langlitz-Outfit.
„Wenn wir Langlitz verkaufen, dann verkaufen wir Geschichte und Geilheit mit“, bestätigt Rob Dilly, Geschäftsführer von GEAR, dem Berliner Fetish Store in der Kalckreuthstraße. „Aber das allein würde den Kult um Langlitz nicht erklären. Es ist auch die hohe Qualität. Leder und Verarbeitung sind einzigartig.“ Standardgrößen sind bei GEAR vorrätig, ansonsten muss Maß genommen werden. Zwischen ein und vier Wochen dauert es dann, bis das Modell in den USA geschneidert wird. Bis heute ist Langlitz ein Familienunternehmen mit ca. 15 Mitarbeitern geblieben. Tochter Jackie und ihr Ehemann Dave führen mittlerweile die Geschäfte. Pro Tag werden in Portland 5-6 Jacken fertig gestellt. Erstaunlicherweise werden aber nur 20% für die amerikanischen Kunden produziert. Japan ist mit 50% der Hauptabsatzmarkt – vor Europa mit 30%. Es ist ein offenes Geheimnis, dass vor allem schwules Klientel zum Gewinn beiträgt.

Wer Langlitz trägt, darf sich zweifelsohne zur Elite der Leder-Szene rechnen. Selbst in Internet-Profilen wird die Marke mittlerweile gern als Unterscheidungsmerkmal benutzt, der „langlitzbiker“ und der „langlitzcop“ suchen ihresgleichen. Zumindest finanziell. Eine Columbia-Jacke mit Sam-Browne-Gürtel und Schultergurt kostet etwa 2.800 Euro, Rangers gibt es ab 1.700 bis 2.000 Euro. Trotzdem sieht Rob eher im Fetisch den entscheidenden Grund für das Interesse, nicht im Wunsch, sich ökonomisch von anderen abzugrenzen. In Ausnahmefällen, verrät er mit einem Grinsen, kann die Langlitz-Jacke auch in Raten abbezahlt werden.

Copyright RH / und als Hinweis: Nein, nur weil der Text in meinem Blog veröffentlicht ist, ist seine Verwendung (auch auszugsweise) ohne meine Genehmigung trotzdem nicht erlaubt!

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4 Responses to “Die Vermessung des Ledermannes”


  1. 1 Thommen November 5, 2011 um 11:31 pm

    Leder ist also der Cadillac am Körper oder so! 😉

  2. 2 Jochen Mangold November 7, 2011 um 1:42 pm

    wer’s braucht 🙂

  3. 3 RH November 7, 2011 um 2:50 pm

    Also ich könnte es brauchen!

  4. 4 shocon November 30, 2011 um 6:56 pm

    Die Langlitz sind zweifelsfrei sensationelle Lederjacken, aber die klassische Tom of Finland hat weder abgesteppte Polster noch einen Schultergurt, dafür aber meistens Schulterklappen. Die Bikerjacke gab es auch schon vor der Langlitz Columbia, die Schott Perfecto z.B. ist seit 1928 auf dem Markt und hat mehr Ähnlichkeit mit Toms Bildern.
    Der Gürtel ist ursprünglich auch nicht für Waffen gedacht, sondern soll bei der buckeligen Haltung auf dem Motorrad verhindern, daß die Jacke hinten abhebt, deshalbt ist bei vielen Jacken auf der Rückseite auch kein umlaufender Gürtel, sondern ein eingenähter Nierenschoner.


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