„Geht es wirklich nur um ein gleich großes Stück vom Kuchen?“ Auszüge aus der Rede Manfred Edingers zum 25-jährigen Jubiläum des SUB München

Das SUB – Münchens schwules Kommunikations- und Kulturzentrum – feiert sein 25-jähriges Jubiläum. Am Freitag gab es einen großen Festakt im Oberanger Theater, natürlich mit zahlreichen Festreden. Die Rede von Manfred Edinger, langjähriger Vorstand und Mitarbeiter der SUB-Beratungsstelle, hat mir in ihrem persönlich gehaltenen Ton besonders gefallen. Er erzählt mit seiner privaten Geschichte, wie er als Kind aus einem bayerischen Dorf zum politisch/sozialen Engagement fand, auch ein Stück Schwulengeschichte.  Im Schlussteil widmet er sich dann der Frage, warum noch ein schwules Zentrum, wenn doch angeblich schon alles erreicht ist.
Mit freundlicher Genemigung des SUB nachfolgend Auszüge aus der Rede Edingers:

Manfred Edinger – Was bedeutet eigentlich Sub?

„Der Titel meines Vortrages „Was bedeutet eigentlich Sub?“ ist in zweifacher Hinsicht zu verstehen: Als Beantwortung der häufig gestellten Frage, wofür der Name „Sub“ steht, und als Darstellung dessen, was das Sub und damit die Münchner Schwulenbewegung für mich persönlich bedeutet.
Die Bedeutung des Namens ist schnell erklärt, er ist einfach die umgangssprachliche Bezeichnung der schwulen Subkultur, wie sie in den 70er und 80er Jahren gebräuchlich war. Wenn Schwule damals einen schwulen Ort, meist ein Lokal, aufsuchen wollten, sagten sie oft: „Gehen wir in die Sub.“ Ich erinnere mich sehr gut an den Abend, an dem wir beschlossen, dass das neu zu eröffnende Zentrum diesen Namen bekommen sollte. Damals war nämlich, als wir nach der Sitzung aus dem Selbsthilfezentrum in der Auenstraße kamen, mein erstes, für mich damals sehr teures und noch ganz neues Mountainbike weg. […]
Aber beginnen wir in der Steinzeit – zumindest fühlt es sich so an. Ich bin in einem kleinen bayerischen Dorf aufgewachsen und wusste schon als Kind, dass ich irgendwie anders war, konnte aber nicht recht erfassen wie. Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, las ich in der Zeitung von einem Mord an einem Soldaten und es hieß dort, das Opfer sei homosexuell gewesen. Ich schlug das Wort im Bertelsmann Volkslexikon meines Vaters nach. Was dort stand, traf mich wie ein Blitz: Homosexualität sei Anziehung für das gleiche Geschlecht und homosexuelle Handlungen würden in der Bundesrepublik mit Gefängnis oder Zuchthaus bestraft. Ich wusste mit einem Schlag, dass dort das benannt war, was ich fühlte. Und ich wusste, dass ich niemals mit jemandem darüber reden durfte und zu einem unglücklichen Leben verdammt war. Das war vor 1969 und erst in diesem Jahr wurde der im Nationalsozialismus verschärfte Paragraph 175 so entschärft, dass „homosexuelle Handlungen“ – also das, was die Gesetzgeber sich darunter vorstellten – zwischen Männern über 21 Jahren straffrei blieben.
Diese Liberalisierung war auch Ausdruck der damaligen Umbruchstimmung im Zusammenhang mit den 68er-Bewegungen. Und diese neue Stimmung drang bis in die letzten Winkel der Republik und verwandelte auch meine kindliche Depression mit einsetzender Pubertät in Rebellion. Schon bald entdeckte ich am Bahnhofskiosk der Kreisstadt das im Gefolge der Liberalisierung des Paragraphen 175 entstandene erste schwule Magazin „Du und Ich“. Ich bin tagelang mit klopfendem Herzen darum herum geschlichen und konnte den Mut, es zu kaufen, nicht aufbringen, auch hätte ich es mit 13 vermutlich nicht bekommen. Also habe ich es schließlich geklaut. Ich musste einfach wissen, was da drin war. Es war meine erste Begegnung mit der „schwulen Welt“ und sie war heftig. Da waren großformatige Fotos nackter Männer, die einen fast überwältigenden Reiz ausübten und die – wie ich – alle schwul sein sollten. Und da waren Berichte über andere schwule Männer, Anzeigen von schwulen Lokalen und Kontaktanzeigen. Ab da wusste ich, dass ich nicht jede Hoffnung aufgeben musste, Kontakt zu bekommen und vielleicht sogar ein schwules Leben zu führen. Aber bis dahin sollte es noch ein langer Weg sein.
Ich lebte noch, bis ich 17 war, ohne jeden Kontakt mit anderen schwulen Männern oder Jugendlichen in meinem Dorf. Dann hielt ich es nicht mehr aus, brach das Gymnasium ab und zog sehr zum Leidwesen meiner Eltern in die Großstadt – nach Ingolstadt, fest entschlossen, dort eine schwule Beziehung zu finden. Das war 1974 und, Sie werden es kaum glauben, es hat funktioniert – für drei Monate. […]es wurde nicht das von mir ersehnte Glück bis an unser selig Ende und ich war zutiefst entmutigt nach dieser Erfahrung. Ich spürte, dass ich mir über mein neues schwules Leben Illusionen gemacht hatte und zog mich wieder in mich zurück für die nächsten drei Jahre. Zwar besorgte ich mir hin und wieder am Hauptbahnhof „Du und Ich“ oder „Him“, eine weitere schwule Zeitschrift, – nun legal, wenn auch immer noch mit klopfendem Herzen -, aber in Ingolstadt gab es keine schwule Szene, ich hatte sonst eine aufregende Zeit dort, aber bezüglich meines Schwulseins fühlte ich mich wieder wie im Dorf meiner Kindheit.
Irgendwann entdeckte ich in einer der Zeitschriften eine Notiz über den VSG, einen schwulen Verein in München. Ich schrieb einen Brief dorthin, an dessen Inhalt ich mich nicht mehr erinnere, der aber laut Guido Vael, dem ehemaligen Vorstand, im VSG-Archiv immer noch existiert. Das war mein erster Kontakt mit der Schwulenbewegung. Aber bevor der vertieft werden konnte, drängte es mich nochmals dazu, mein privates Glück zu suchen. 1977, mit 20, antwortete ich auf die Kontaktanzeige eines Münchners in „Du und Ich“ und lernte so meinen ersten Freund kennen. Diesmal funktionierte es besser, und so zog ich 1978 nach München. […]

Als ich 1978 dazu stieß, war der VSG sehr aktiv. Es gab Infostände in der Fußgängerzone, es gab „Rat und Tat“, das erste Beratungstelefon für Schwule, es gab eine Gruppe, die sich um die Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verfolgung kümmerte und in Dachau präsent war, eine Jugendgruppe, eine Theatergruppe und vieles mehr, und Rainer Schilling war maßgeblich an der „Homosexuellen Emanzipation“, der ersten bundesweiten schwulen Zeitschrift, beteiligt. 1979 fanden erstmals bundesweit Stonewall-Demos statt, die Stuttgarter Schwulengruppe organisierte diejenige für den süddeutschen Raum und wir fuhren vom VSG aus hin, ein Wochenende, das ich nie vergessen werde. Noch aufregender war es, als 1980 der VSG selbst die erste solche Demo für München anmeldete. Ich nahm meinen Mut zusammen und trug mit Guido Vael, dem damaligen Vorsitzenden, das Fronttransparent, auf das wir „Schwul na und?“ gepinselt hatten. Ein Foto davon zierte später das Innencover des gleichnamigen Klassikers von Thomas Grossmann. Das waren für mich sehr aufregende Zeiten, die mich wesentlich geprägt haben.

Ich verdanke dem VSG also sehr viel, vor allem mein schwulenpolitisches Bewusstsein, das die Grundlage für mein späteres Engagement im Sub wurde. Aber es war schwer, dieses politische Leben mit einem Privatleben zu vereinbaren und meine erste Beziehung ging nicht zuletzt aufgrund einer gewissen damit inZusammenhang stehenden Entfremdung in die Brüche. Als ich 1983 wieder jemanden kennenlernte, war die Sehnsucht nach einer harmonischen Beziehung in der heilen Welt einer Dreizimmerwohnung mit Balkon so groß, dass ich mich – wie so viele andere in ähnlichen Situationen auch immer wieder – aus der Schwulenbewegung weitgehend zurückzog.“

Am 4. September 1986 wird der Trägerverein des künftigen Sub, der Verein „Schwules Kommunikations- und Kulturzentrum München e.V.“, kurz SchwuKK, gegründet. Ein Jahr später nimmt Edinger sein Engagement wieder auf. Am 12. November 1988 eröffnet „Sub – Infoladen für Männer“ im Innenhof der Müllerstraße 44. Edinger schildert den Kampf um Fördermittel, die unermüdlichen Plenums-Diskussion um „das Muster des Klopapiers“, die Konflikte mit Anwohnern, und den Umzug in die Müllerstraße 38 im Dezember 1990. Das Sub hat nun eine große Ladenfront zur Straße hin. 1995 erhält der Verein nach langem Ringen die Anerkennung als gemeinnützig. Edinger arbeitet bis 2006 als hauptamtlicher Mitarbeiter.

Als Psychologe und Psychotherapeut habe ich gelernt, dass sich gesellschaftliche Probleme auch in privaten Beziehungen widerspiegeln. Dass also zum Beispiel die Mitglieder einer diskriminierten Gruppe die gesellschaftliche Ausgrenzung unbewusst in ihren persönlichen Beziehungen inszenieren. Genau das haben wir alle im Sub immer wieder getan. Alle, die zum Sub stießen, haben gehofft, dort einen sicheren Platz zu finden und alle hatten Angst, wieder abgelehnt zu werden und haben angefangen, um ihren Platz zu bangen und zu kämpfen, was wiederum die Ängste anderer befeuert hat, die dann auch anfingen zu kämpfen oder sich zurückzuziehen. Das ist, glaube ich, eine nicht zu vermeidende Dynamik. Und die hat bei einigen durchaus zu mehr als nur oberflächlichen Verletzungen geführt. Auch war es nicht möglich, alles und jeden zu integrieren. Ich glaube, wir sollten heute in Gedanken auch die würdigen, die wir oftmals verflucht haben, und die, die im Unguten gegangen sind. Ich erinnere mich an einige, mit denen ich es schwer hatte, die aber viel für das Zentrum getan haben. Es ist die große Leistung des Sub, dass es diese Spannungen 25 Jahre lang immer wieder so austariert hat, dass es nicht auseinandergeflogen ist.

[…] Ich hätte mir 1986 nicht träumen lassen, dass Lesben und Schwule in 25 Jahren dort stehen könnten, wo wir heute sind. Und ich bin froh, an einigen dieser Veränderungen mitgewirkt zu haben. Ich finde aber auch, dass das Potenzial, das in der Schwulen- und Lesbenbewegung lag, nicht ausgeschöpft und zum Teil pervertiert wurde. Den sozialen Bewegungen, denen wir es verdanken, dass wir nicht mehr als krank oder kriminell ausgegrenzt werden, vor allem der Frauenbewegung und der ohne diese nicht denkbaren Lesben- und Schwulenbewegung, der wiederum zu diesen beiden korrespondierenden Männergruppenbewegung aber auch der Friedensbewegung und der Umweltbewegung, all diesen Bewegungen ging es in ihrem Ursprung nicht um die Teilhabe an Privilegien, es ging ihnen um eine bessere Welt. Aus diesem Gedanken bezogen sie ihre Kraft. Frauen wollten nicht das Recht, Macht auszuüben wie Männer, sie wollten eine Auflösung von Hierarchien für alle Menschen. Schwule wollten nicht das Recht, ihre potentiellen Liebespartner in Kriegen genauso töten zu dürfen wie heterosexuelle Männer ihre Konkurrenten, sie wollten die Anerkennung der Liebesfähigkeit als männliche Eigenschaft – egal ob gegenüber Frauen oder gegenüber Männern. Man könnte auch sagen, all diesen Bewegungen wohnte ein gemeinsamer Grundgedanke inne: Macht durch Liebe zu ersetzen. Liebe zu Frauen, zu Männern, zu Völkern, zur Natur.
Dieses Ziel einer besseren Welt wurde leider im Rahmen der Auseinandersetzungen mit den bestehenden Verhältnissen immer mehr entwertet bis hin zu dem Punkt, dass die wenigen, die es noch hochhalten, als „Gutmenschen“ beschimpft werden. Ersetzt wurde es durch das Ziel der Gleichstellung und der Integration, das eine Infragestellung dessen, mit dem man gleichgestellt oder in das man integriert wird, nicht länger vorsieht. Ich möchte an dieser Stelle nicht missverstanden werden, ich bin dafür, sich gegen Ungerechtigkeiten und Diskriminierung zu wehren, ich habe das ja zum Beispiel im Anti-Gewalt-Projekt selbst intensiv getan. Und natürlich kann sich das Sub für seine Daseinsberechtigung auf immer noch drängende Probleme bei der Gleichstellung von Homosexualität berufen: Es gibt weiterhin noch rechtliche und andere Ungleichheiten, homosexuelle Jugendliche haben es immer noch sehr schwer, wie jüngst eine Studie der Koordinierungsstelle wieder gezeigt hat, und es gibt immer noch jede Menge homophobe Gewalt.  Aber wird das Sub in dem Maße überflüssig, in dem sich diese Zustände verbessern?
Wenn Gleichstellung sein einziges Ziel wäre, dann wäre die Antwort ja. Ich möchte aber im oben genannten Sinne die Frage doch noch einmal umdrehen. Geht es wirklich nur darum, ein gleich großes Stück vom mehr oder weniger gelungenen Kuchen zu bekommen und dann ist es gut? Ich finde nicht.
In der Arbeit mit leidenden Menschen, wie sie in einer Beratungsstelle oder einer therapeutischen Praxis stattfindet, kann man erleben, dass eine wie auch immer geartete Wiedergutmachung von erlittenem Unrecht allein nicht zur Beendigung des Leidens führt. Zu sehr ist das Leiden ein Teil unseres Lebens, allen Lebens, als dass man es jemals allein durch Wiedergutmachung aus der Welt schaffen könnte. Es geht darum, dieses Leiden zu einem Anstoß für Verbesserung und Weiterentwicklung zu machen und ihm so einen Sinn zu geben. In diesem Sinne ist meiner Meinung nach die wichtigste Frage derzeit nicht, was wir als Homosexuelle noch zu kriegen haben, sondern was wir zu bieten haben. Das, was wir aufgrund unserer Geschichte über Diskriminierung und Unrecht, über Ungleichheit, Ausgrenzung und Gewalt wissen, gilt es einzubringen in das Leben, um die Welt zu verbessern. Sie braucht es dringender denn je. Und es gilt auch, aus dem zu lernen, was wir als schwule Männer und als lesbische Frauen jeweils im Umgang miteinander erleben und das wiederum einzubringen in die homosexuelle Welt, die ja trotz aller Erfolge bei der Gleichstellung keineswegs ein Paradies ist.
Und so wünsche ich dem Sub, dass es immer mehr zu einem Ort wird, an dem aus der kollektiven Geschichte und den individuellen Geschichten schwuler Männer Visionen für eine bessere Welt geschmiedet werden und als Entwicklungsanstöße in die Welt hinaus gehen.“

Links: Die komplette Rede Manfred Edingers als PDF / Internetseite des SUB München

1 Response to “„Geht es wirklich nur um ein gleich großes Stück vom Kuchen?“ Auszüge aus der Rede Manfred Edingers zum 25-jährigen Jubiläum des SUB München”



  1. 1 Life ought to be an adventure, not a vegetation. | Steven Milverton Trackback zu November 4, 2011 um 9:55 pm
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