Sammelsurium an der Grenze: „Mein schwules Auge 8“ (Rezension)

Mit einer Zuverlässigkeit, die sonst nur noch dem Weihnachtsmann zu eigen ist, erscheint jedes Jahr ein neuer Band der Anthologie „Mein schwules Auge“. Die mittlerweile achte Ausgabe widmet sich dem Thema „schwule Rebellen und Bad Boys“, den, wie es die Herausgeber Axel Schock und Rinaldo Hopf im Vorwort ausführen, „queeren Grenzgängern und Tabubrechern, Querdenkern und Provokateuren, schweren Jungs und bösen Buben“. Texte und Bilder des Bandes eröffnen ein Tableau von „Stricher, Sados und Masos, Drag Queens und Transgender, Ehebrecher und Sexkiller, Künstler und Poeten“. Wer die Reihe aus dem Konkursbuch-Verlag kennt, weiß, dass man ein wüstes wie opulentes Sammelsurium erwarten darf, Belangloses und Anregendes in Text wie Bild, irgendwas zwischen plumpem Porno und Kunst, zwischen Banalität und Esprit. Das ist auch dieses Mal so.

Vorneweg sei es gestanden: Ich habe die in diesem Band enthaltenen erotischen (?) Kurzgeschichten überblättert, weil mich persönlich solche Texte nicht wirklich interessieren und ich darum selten eine Meinung dazu habe. Es gibt in diesem Band genug anderes, was mein Auge und meinen Kopf anregt:
Etwa den Aufsatz von Peter Rehberg über schwule Skins mit dem Titel „Die Glatze des Widerstands“. Akribisch spürt Peter Rehberg dem schwulengeschichtlich „populärsten Männerideal der Post-Aids-Ära“ nach, beschreibt den beabsichtigten Tabubruch mit Verweis auf die politische Ikonografie dieses Outfits: Der Homoskin zitiert den Neonazi, der den Nazi zitiert. Rehberg belässt dies in seiner Ambivalenz und räumt auch mit dem althergebrachten Klischee Homo=Fascho auf: „In diesem Diskurs von Adorno und der Linken, die ihm folgten, erfüllt der Homosexuelle die Funktion, heterosexuellen Männern die Frage nach der politischen Verdächtigkeit ihrer Geschlechtsidentität – denn der Fascho ist ein Mann – zu ersparen: der faschistische Mann ist der Homo und nicht die Hete. Eine Perversion erklärt die andere.“ Die clevere Schlussfrage, ob die faschistische Verehrung des gepanzerten Männerkörpers durch den schwulen Akt des Fickens unterlaufen wird, sollte man beim Betrachten der Abbildungen des gesamten Buches im Kopf behalten.
Es ist ein Manko des Bandes, dass er, was die Abbildungen angeht, weitgehend so tut, als sei Kunst/Fotografie/Grafik selbsterklärend. Das ist sie, zumal zeitgenössische Kunst, keineswegs. Wie schon in den Ausgaben zuvor, müssen Fotos und künstlerische Arbeiten ohne weitere Kommentierung auskommen. Das hätte aufschlussreich sein können, etwa dann, wenn ein Gemälde des Berliner Künstlers Martin von Ostrowski, das zeigt, wie sich ein Ledermann einen Schuss setzt, mit einer Zeichnung des amerikanischen Künstlers Rex auf Seite 133 korrespondiert, das eine schwule Szene zeigt, in deren Vordergrund ein Mann im Unterhemd sich eben die Nadel in den muskulösen, tätowierten Oberarm setzt. Zwischen den Arbeiten dürften Jahrzehnte liegen. Das Tabu besteht nicht allein im Drogengebrauch, sondern auch in seiner Darstellung – die war, zumindest in den USA, bis in die 70er Jahre hinein verboten. Ohne zusätzliche Angaben verklären sich die Bilder so zu einem der Zeit enthobenen Medium, was sie aber niemals sind. Ein Irrtum – und das Vorwort weiß es eigentlich auch besser und verweist als Beispiel auf Aufnahmen des Schweizer Fotografen Karl-Heinz Weinberger. Die „Rocker-Fotos“ galten in den frühen 1960er Jahre als Provokation, aus heutiger Sicht wirken sie seltsam antiquiert. Ein anderes Beispiel sind die Zeichnungen von Tom of Finland. Einst geächtete Pornografie finden sie allmählich ihren Weg in den Kunstmarkt – nachdem ihre Reproduktionen jahrzehntelang die Schlaf- und Badezimmer der Schwulen geschmückt haben. Ein großes Plus: Der Band zeigt bislang unveröffentlichte Skizzen des Meisters der schwulen Fetischwelt.
Ein weiteres großes Plus: Der Band traut sich, auch Kunst des einzig wirklichen Nachfolgers von Tom of Finland, des japanischen Zeichners Gengoroh Tagame, zu zeigen. (Abb. oben) Auf dem deutschen Markt ist Tagame, außer mit einigen bunten Niedlichkeiten, kaum zu finden. Was hätte man sich gewünscht, jemand hätte die Kunst Tagames, diese Synthese aus brutaler SM-Fantasie und japanischer Manga-Ästhetik erläutert. Stattdessen rücken die Herausgeber die Comic-Zeichnungen Tagames in den Zusammenhang mit Aussagen des Mörders Fritz Haarmann. Ein fataler Kurzschluss, wie mir scheint, der letztlich darauf hinausläuft, (künstlerische) SM-Fantasien durch den Kontext mit dem Mörder Haarmann zu denunzieren. Man tut gut daran, sich die Analyse von Peter Rehberg nochmals durchzulesen.
Nicht alles in „Mein schwules Auge 8“ ist so spannend und noch in seiner, wie ich meine, missglückten Kombination so erhellend. Die Mehrzahl der Texte sind die oben schon erwähnten Kurzgeschichten (die ich ignoriert habe) und jede Menge Fotografien von unterschiedlicher Qualität und unterschiedlicher Thematik. Beim Durchgucken fiel mir auf, wie wenig mich Nacktfotos als solche heute noch tangieren. Bin ich so abgebrüht? Bin ich schon zu alt, um erotische Fotografie noch erotisch zu finden? Eine eher belanglose Fotografie von Bruno da Silva zeigt einen nackten Mann unter der Dusche – nicht wirklich originell. Lediglich die am Bildrand sichtbare Tür mit Klinke macht klar, dass es dem Foto um die Position des Betrachters geht. Wir betreten als Voyeure den (verbotenen) Raum. Der Rest – Privatsache?
Interessant fand ich ein Interview des Redakteurs Kevin Clarke mit dem Regisseur Jim Tushinski, der einen Dokumentarfilm über den Pornoregisseur Wakefield Poole gedreht hat. Zur Sprache kommt dabei auch Pooles’ Kokainsucht, deren zynische Tragik in dem Satz gipfelt: „Er hat in den späten 1970er- und frühen 1980er-Jahren so viele Drogen genommen, dass er keinen Sex hatte. Seiner Meinung nach hat ihn das [vor einer HIV-Infektion] gerettet. Als er wieder clean war, hatte er kein Interesse mehr an Sex.“
An anderer Stelle im Buch ist ein sensibler Bericht von Oliver Sechting abgedruckt. Er berichtet von seinem ersten Abend unterwegs als Mitarbeiter der Stricher-Hilfe. Zum Abschluss führt der Weg zu den Strichern am Bahnhof Zoo. „Wir steigen aus und Markus öffnet die Heckklappe des Busses. Zwei große Wasserbehälter kommen zum Vorschein, einer für heißes und einer für kaltes Wasser. Daneben liegt in einer Plastikkiste ein übersichtliches Sortiment an Tütensuppen, Instantkaffee, Teebeuteln, Zitronenteepulver, Kondomen, Infobroschüren und Give-Aways. Scheu fragen uns die Jungs nach Getränken und Suppe, ganz brav einer nach dem anderen. Mir ist zum Heulen.“
Da ist die Grenzerfahrung ganz anderer Natur und weit entfernt von öffentlicher, marktschreierischer Skandalisierung.
Beim Betrachten des achten Bandes von „Mein schwules Auge“ kommt mir etwas in den Sinn, das mich seit längerem beschäftigt: Vielleicht ist ja mittlerweile nicht mehr die Pornografie, die Sexualität, auch nicht ihre sadomasochistischen Variationen, der Tabubruch. Vielleicht ist es mittlerweile der gewöhnliche Alltag, sofern es den noch geben sollte. Wäre eigentlich ein schönes Thema für Band 9.

Angaben zum Buch: „Mein schwules Auge 8“, hg. v. Rinaldo Hopf (Bild) & Axel Schock (Text), Konkursbuch Verlag Herbst 2011, 320 Seiten, Preis: 15,50 €. Zum Kaufen in der Buchhandlung des Vertrauens oder z.B. bei gaybooks.de, dem Online-Shop der schwulen Buchläden.

Buchvorstellung: Freitag, 25. November 2011, 20.30 Uhr im Buchladen Eisenherz, Lietzenburger Straße 9, Berlin-Schöneberg.


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