Obrigkeit und Wellness! Mit der Bundesstiftung Magnus Hirschfeld bekommen Schwule und Lesben, was sie verdienen – im Guten wie im Schlechten!

Die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld kommt. In dieser Woche wurde die mit 10 Millionen Stiftungskapital ausgestattete Einrichtung vom Bundeskabinett durch-gewunken. Eine der Aufgaben der Stiftung soll die Erforschung der gesellschaftlichen Lebensweise von Schwulen und Lesben sein. Das klingt gut und ist deshalb interessant, weil ansonsten genau eine Gruppe reichlich wenig zu sagen hat in der Stiftung: Schwule und Lesben nämlich!

Die Stiftung ist ein rein parlamentarisches Gebilde, eine späte Verwirklichung einer Idee von Volker Beck, mit der er vor allem sich selbst Einfluss beim Verteilen von Geldern sichern und seine Kumpane aus dem LSVD unterbringen wollte. Nun verwirklicht die FDP mit Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger als treibender Kraft das Vorhaben, nachdem 2004 rot-grün noch gegen eine FDP-Initiative gestimmt hatte.
Das lässt Volker Beck schmollen und Michael Kauch von der FDP nennt das zu Recht einen „Neidreflex“. Das Sagen in der Stiftung haben aber, und das sollte auch grüne Berufspolitiker trösten, die Parteien. Den Vorstand ernennt die Bundesjustizministerin wohl gleich selbst. Dem Kuratorium gehören dann mehrheitlich Vertreter der Bundestagsfraktionen (7 an der Zahl) und der Bundesministerien (6) an – was de facto heißt: auch Vertreter solcher Parteien, die Schwule und Lesben für zweitklassige Menschen erachten, die kein Recht etwa auf Ehe, Adoption, Steuergleichheit etc. haben.
Es ist ein bisschen wie im „Herr der Ringe“-Epos, wo die von Sauron beeinflussten Elben die Ringe schmieden, von denen jedes Völkchen in Mittelerde welche erhält. So fallen denn auch acht Ringe für Männer und Frauen aus verschiedenen schwul-lesbischen Vereinen ab – damit bleiben „offizielle“ Vertreter der Community in der Stiftung in der Minderheit. Nicht, dass wir das nicht gewohnt wären!
Der Gesetzesentwurf der FDP aus dem Jahr 2003 zählt als Gruppen auf: LSVD, HuK, Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, ILGA; Lesbenring, Jugendnetzwerk Lambda oder auch den Bundesverband der Eltern und Angehörigen von Homosexuellen.
Käme es so, wäre zu begrüßen, dass die Dominanz des LSVD gebrochen würde. Gleichwohl bringen sich die üblichen Verdächtigen bereits in Stellung. Wenn etwa Volker Beck das Fehlen von „Menschenrechten“ als Thema und Aufgabe der Stiftung bemängelt, hat er vor allem den LSVD-Ableger Eddy-Hirschfeld-Stiftung im Sinn, der sich internationaler Menschenrechtsarbeit verschrieben hat. Und, so ein Zufall, wenige Tage vor dem Kabinettsbeschluss, gab es eine Pressemeldung, mit der sich die Eddy-Hirschfeld-Stiftung nochmals ins Gedächtnis rief und als Berater der deutschen Politik empfahl! Auch die Promi-Initiative Queer Nations hat ein bisschen Angst, nicht angemessen beteiligt zu sein, zumal das Projekt eines Magnus-Hirschfeld-Instituts (das an Hirschfelds Institut für Sexualwissenschaft, das von den Nazis zerstört wurde, anknüpft) nicht Teil der Stiftung ist – bislang jedenfalls nicht.
Es geht weniger um Posten, als darum, den eigenen Projekten bzw. Seilschaften (heute Netzwerke genannt) finanzielle Unterstützung zuzuschustern. Ein bisschen Geschrei im Vorfeld kann nie schaden.
Nun gehört es aber zu den Eigenheiten der schwulen Welt, dass ihre Verbände und Organisationen meist nur geringe Verbindung zur Basis, den Schwulen und Lesben haben, und man Fragen von Legitimation am besten gar nicht stellt. Legitimiert sind die meisten Aktiven dadurch, dass sie überhaupt etwas tun. Die Kritik geht darum auch nicht nur in Richtung Verbände, sondern zielt auch auf „die“ Community, soweit sie eben noch als Gemeinschaft aufgefasst werden kann, die an politischer Kleinarbeit nur wenig Interesse zeigt.
Jetzt bekommen wir eine Bundesstiftung vorgesetzt. Das ist eine gute Sache, aber es hätte der Community gut angestanden, wenn sie ein solches Projekt staatsfern und aus eigener Kraft und eigenem Willen gestemmt hätte. So ist die Bundesstiftung progressiv und wegweisend, weil andere Länder nichts Vergleichbares haben, und zugleich „typisch deutsch“, weil sie Homosexualität zur Sache der Obrigkeit macht. Es gibt gute Gründe, abgeleitet aus jener Geschichte, die die Stiftung in Erinnerung halten will, sich als Schwule und Lesben vom Staat fernzuhalten. (Und das im Bewusstsein, dass Errungenschaften wie die Lebenspartnerschaften natürlich nur im Bündnis mit Parteien und Regierungen möglich waren!) Es gibt übrigens auch gute Gründe aus einer republikanischen Gesinnung heraus, die aber ist in Deutschland allgemein nur rudimentär vorhanden.
Was die Stiftung wirklich leistet, muss sich zeigen. Hoffentlich fällt ihr mehr ein, als das hundertste Forschungsprojekt zum Langeweiler-Thema Homosexualität im Fußball zu finanzieren. Was die Aufarbeitung der Geschichte von Homosexuellen in der Nazi-Zeit betrifft, ist noch viel zu tun. Schade wäre es, wenn Aufträge und Unterstützung statt an engagierte Historiker wieder nur an eitle Gedenkstättenleiter ginge, deren einziger Bezug zu heutigen Schwulen und Lesben der ist, dass sie ihnen vorschreiben, wie das Mahnmal auszusehen hat. Vielleicht haben wir Glück, und die Stiftung unterstützt dringend nötige soziologische Studien über Schwule und Lesben heute, die über die Erkenntnis, dass wir gerne Geld für Partys ausgeben, hinausgehen. Wer weiß, vielleicht finanziert die Stiftung mein nächstes Buch – dann wird dieser Kommentar natürlich sofort gelöscht und ich habe ihn niemals geschrieben!
Was die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld an Zielen hat, ist nicht wirklich sensationell, es kommt auf die Motivation der künftig Verantwortlichen an, was sie daraus machen. Nicht schaden kann es, wenn die Community selbst Ideen und Anregungen entwickelt und sagt, was „wir“ wollen. (RH)

Link: Mehr zur Stiftung

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