„Stark und fürsorglich“ – Interview mit Comiczeichner Jeff Jacklin

Die Comicserie „Hearts & Iron“ des amerikanischen Zeichners Jeff Jacklin handelt vom Leben der muskulös-sportlichen Partner Carl und John. Vier Nummern sind bereits erschienen, Heft 5 ist in Vorbereitung. Daneben veröffentlicht Jeff Jacklin regelmäßig Comic-Strips zu „Hearts & Iron“ oder auch „Ursus Major“. Mit S.i.e.g.T. spricht er exklusiv über die Vorliebe für starke Männer, für Mythologie und darüber, wie er mit der Erwartungshaltung mancher Leser umgeht, die stets Sex erwarten. Und als Extra: Erstmals ein Comic-Strip von Jeff Jacklin in Deutsch!

Schon der erste Blick in deine Comics verrät uns, dass du nicht nur von Männern, sondern von muskulösen Männern im Besonderen fasziniert bist. Was gefällt dir so an starken Männern?

Jeff: Physische Kraft ist aufregend, belebend und einschüchternd. Stärke zu besitzen gibt Selbstvertrauen und fühlt sich gut an. Sie erzeugt Respekt, Ehrfurcht und weckt Begehren.

Deine Charaktere sind (super)stark und zugleich hochromantisch. Ist das auch mit dem Titel „Hearts & Iron“ („Herzen & Eisen“) gemeint: Männlichkeit kombiniert mit Zärtlichkeit?

Jeff: Ganz genau. John und Carl sind sehr kraftvoll und auch sehr fürsorglich zueinander.

Ist es diese Mischung, die deine Comics „schwul“ macht? Es gibt auch einige sexuell eindeutige Szenen in deinen Comics, aber mir scheint, das ist nicht dein zentraler Blick aufs schwule Leben.

Jeff: Es geht um zwei „schwule“ Männer, die aber nicht zu der Kultur gehören, die oft mit schwulen Männern assoziiert wird – also Musik, Divas, Club-Kultur, Mode etc. John und Carl sind schwul, weil sie Männer attraktiv finden und sich gegenseitig lieben. Nicht wegen der Musik, die sie hören, oder wegen der Klamotten, die sie tragen. In einem gewissen Sinne sind sie Unangepasste unter Unangepassten (Anm.: im Englischen „misfits“, was an den John Houston Film „Nicht gesellschaftsfähig“ erinnert).

Wir haben mal über Sex in Comics gesprochen und darüber, dass schwule Leser ein starkes Bedürfnis nach Schwänzen und Ärschen, sprich: Porno haben. Damals hast du gesagt: „Ich versuche eine komplexe Geschichte zu erzählen und die Leute erwarten nach wie vor ausschließlich Porno.“ Wie gehst du mit solchen Erwartungen um? Hast du das Gefühl, eine bestimmte Erwartungshaltung bedienen zu müssen?

Jeff: Viele Leute halten Muskelübungen und das Zurschaustellen von physischer Kraft nicht für etwas sexuelles, sie denken nicht, dass es was mit Schwänzen, Ärschen und Penetration zu tun haben muss. Viele Leser sind an gewisse Dinge in schwulen Comics gewöhnt entweder viele Sexszenen und/oder albernen Humor. Ich versuche, eine reelle Portion Sex in die Story zu integrieren. Erfreulicherweise gibt es Leser, die von der Geschichte und den Figuren selbst gepackt sind und neugierig sind, wie es weitergeht.

Zu deiner Arbeitsweise: Wie lange brauchst du, um eine Ausgabe von „Hearts & Iron“ zu erstellen? Welche Techniken verwendest du?

Jeff: Es dauert immer unterschiedlich lang, zum einen weil jede Ausgabe eine andere Seitenzahl hat und zum anderen, weil ich die Hefte in meiner Freizeit mache. Für das erste Heft von „Hearts & Iron“ benötigte ich ein Jahr, von der ersten Zeichnung bis zur Veröffentlichung. Das zweite erschien dann ein Jahr danach. Als dann die Themen anspruchsvoller und in meinem realen Leben viele Umbrüche stattfanden, wurden die Zeiträume zwischen den Ausgaben immer länger – leider!
Ich zeichne die Seiten ganz traditionell, mit Bleistift, Zeichenstiften und Tusche. Dann scanne ich sie und koloriere sie in Photoshop. Das Seitenlayout, Grafik, Sprechblasen und Beschriftung mache ich dann in InDesign.

Wie vertreibst du deine Comics?

Jeff: Im Eigenvertrieb. Die „Hearts & Iron“-Hefte kann man via Paypal über meine Internetseiten Jeffsmusclestudio.com und Heartsandironcomic.com kaufen. Die Comic-Strips sind auf meinen Internetseiten veröffentlicht, sie erscheinen online und gedruckt bei Desert Knight News (einem Magazin für Leder-Bären-Fetisch-Community in Phoenix & Tucson, Arizona) und im All Bear Magazin.

Der Comic-Strip „Ursus major“ (Großer Bär) handelt von Werbären und im Strip „Paul Bunyan“ mag es ein Riese, wenn die kleinen Menschen auf ihm rumklettern. Märchen und Fantasyromane scheinen eine Inspirationsquelle für dich zu sein?

Jeff: Fantasy-Geschichten gehörten schon immer zu meinen Favoriten, genauso wie Science Fiction von Isaac Asimov, Arthur C. Clarke und Theodore Sturgeon. Mit der griechischen und nordischen Mythologie machte ich mich weitgehend über die Bücher von Joseph Campbell vertraut und wurde auf die gemeinsamen Motive in diesen Mythen aufmerksam. „Die Nebel von Avalon“ von Marion Zimmer-Bradley war ein anderes Buch, das mich mit seiner Nacherzählung der Arthur-Legende mit der Betonung der keltischen/heidnischen Elemente prägte.
Beeindruckt hat mich die grafische Umsetzung des „Ring der Nibelungen“ von P. Craig Russell. Für die Story von „Hearts & Iron“, die im Griechenland der Antike spielt, las ich Homers „Ilias“. Mir gefiel der Gedanke, dass die Götter die Heldenkämpfe beobachten und vom Olymp herabsteigen, um sie zu beeinflussen. So wie sie es beim Kampf um Troja taten. Es gibt auch eine Szene im Comic, in der Ioannes / John und Kallikrates / Carl auf Homer treffen, der aus der Ilias vorträgt.

Welche Comics, welche Zeichner haben dich beeinflusst?

Jeff: In meiner Jugend waren die Comics von Marvel und DC meine Favoriten, besonders die Fantastischen Vier. Jack Kirby war mein Lieblingszeichner jener Zeit. In der Renaissance der Comics in den achtziger Jahren entdeckte ich Mangas, das Werk von Frank Miller und die britischen Autoren Neil Gaiman und Alan Moore. Ich war und bin immer noch großer Fan von „Sandman“ – an dieser epischen Geschichte erkannte ich, dass es innerhalb der Welt der Comics ein Publikum für literarische, komplexe Geschichten gibt.

Die Geschichte von Carl und John entwickelt sich. In der letzten Heftnummer wird eine Parallelhandlung in der Welt des alten Griechenlands und der griechischen Mythologie eingeführt. War das so beabsichtigt, als du mit „Hearts & Iron“ begonnen hast?

Jeff: Nein. Zu Beginn hatte ich mehr Alltags-Geschichte im Kopf, die sich um die beiden Protagonisten, ihre sportliche Karriere, ihre Berufe, Freunde und Familien drehte. Davon handeln die ersten drei Ausgaben. Dann entdecke ich, dass ich mein Interesse an Geschichte, Mythologie und Science Fiction auch innerhalb des Comics verfolgen konnte. Zunächst dachte ich daran, Comics über historische schwule Helden zu zeichnen. Dann kam die Idee, John und Carl in andere Zeiten, an andere Orte zu versetzen. Die antiken Welten kennen zudem nicht die moderne Einteilung in hetero- / homosexuell; es gibt auch nicht dieses Stigma gegen homosexuelle Gefühle. Damit wurde auch der Punkt des „Coming-out“ unnötig.
Das Thema der Athleten wollte ich beibehalten, so beginnt die Handlung zunächst im antiken Olympia und wird fortgesetzt mit Carls und Johns Eintauchen in die keltische und nordische Kulturen und schließlich in die nahe Zukunft, wo es um Wissenschaft anstelle oder in Verbindung mit Mythologie gehen wird. Auch kann es weitere Geschichten von Kallikrates und Ioannes geben.
In den Comic-Strips habe ich die Perspektive auf das private, häusliche Leben, obwohl auch da fantastische Elemente, wie etwa Superstärke, Einzug halten. Ich werde an meine Vorliebe für Science Fiction anknüpfen.

Du lebst im heißen Arizona …

Jeff: Seit 14 Jahren. Und ich vermisse die Winter des mittleren Westens der USA, wo ich aufgewachsen bin, kein bisschen! Anfang des Jahres besuchte ich einen Freund auf seiner Ranch im ländlichen Arizona – und wachte doch tatsächlich eines Morgens bei leichtem Schneefall auf! In kleinen Mengen ist das sehr schön. Arizona hat eine erstaunliche Breite an Klimazonen und exotische, schöne Wüsten, Berge und Canyons.
In den letzten Jahren habe ich für Strongman und Highland Games trainiert, zum Beispiel Wenden von Reifen und Baumstämmen. Das möchte ich weiter verfolgen und vielleicht auch an Wettkämpfen teilnehmen. Ich spiele auch Gitarre. Damit angefangen habe ich, als Punk und Alternative aufkamen. Vor kurzem hatte ich einen spontanen Auftritt bei einer Open Mic Veranstaltung. Das hat meine Träume geweckt, Rockstar zu werden …

Interview & Übersetzung: ©RH

>>> Weitere Comic-Strips von Jeff Jacklin (in Englisch)


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