„Niedliche Tiere, denen traurige Dinge widerfahren“ – Interview mit Comiczeichner Howard Hardiman

„The Lengths“ des in London lebenden Zeichners Howard Hardiman handelt von Eddie, der sich in den Stricher/Escort Nelson verliebt und dadurch in die raue Welt des käuflichen Sex gerät. Mit der ersten Ausgabe von „The Lengths“, im Eigenverlag erschienen, erzielte Hardiman eine Aufmerksamkeit im Bereich der Indie-Comics. Im folgenden Exklusiv-Interview mit S.i.e.g.T. spricht er über die Hintergründe und Entstehungsgeschichte von „The Lengths“ und warum er es bedauert, keine Mutantenkräfte zu haben.

„The Lengths“ basiert auf Interviews, die du mit männlichen Sexarbeitern geführt hast. Wie kam es zu dieser Idee?

Ich habe einige Sexarbeiter kennengelernt, einfach weil ich in der schwulen Szene Londons unterwegs war. Ich war neugierig, wollte etwas über ihr Leben und ihren Job erfahren. Also machte ich das einfachste und stellte Fragen – möglicherweise recht dumme. Nachdem sich einige Escorts darauf einließen und sich ausführlicher von mir interviewen ließen, halfen sie mir, Kontakt zu weiteren Escorts zu bekommen. Es schien, dass sie selten die Chance hatten, über ihre Arbeit zu sprechen. Mit einigen der Leute, die ich traf, bin ich inzwischen befreundet.

Kannst du etwas zum Prozess sagen, die Interviews in Comiczeichnungen zu transformieren?

Anfangs war mir gar nicht klar, was ich mit den Interviews machen wollte. Zunächst dachte ich daran, ein Theaterstück zu schreiben. Sophie Woolley, eine Autorin und Performance-Künstlerin, war meine Mentorin, und ich orientierte mich ein bisschen an ihrem Stil. Ich traf mich sogar mit künstlerischen Leitern von Theatern, aber ich erkannte, dass die Zuschauer letztlich nackte Männer zu sehen bekommen würde. Aber ich wollte etwas anderes erzählen. Mehr über das Innenleben der Sexarbeiter – und dabei möglicherweise auch mehr über mich als über die, mit denen ich die Gespräche geführt hatte.
So wurde erst einmal nichts aus der Sache. Erst nachdem ich einige Erfahrung im Zeichnen von Comics gesammelt hatte, hatte ich das Gefühl, mich dem Text wieder nähern und einen weiteren Versuch wagen zu können. Mir wurde klar, dass ich eine zu große Nähe zu den Männern gehabt hatte. Ich habe ihre Berichte aufgeschrieben, aber noch nicht meine eigene Geschichte gefunden. Einige Jahre Abstand zum Text gehalten zu haben, erwies sich als hilfreich beim Finden einer Perspektive.

Wie kam es zur Idee, die Figuren als Hybride, Menschen mit Hundeköpfen, darzustellen?

In frühen Skizzen waren die Charaktere menschlich, aber ich war unzufrieden damit. Ich denke, weil das Skript selbst noch in der Entstehung war, schienen auch die Männer, um die es ging, in den Entwürfen durch. Aber das war zu einfach, so war es nur eine Story über etwas, das jemand anderem passierte. Indem ich den Figuren Hundemasken aufsetzte, verlor ich die Sorge, Lügen über Menschen zu verbreiten, die ich mochte und die mir gegenüber offen waren.
Merkwürdigerweise schienen die Leute mehr Anteilnahme am Schicksal der Figuren zu haben, nachdem diese Hunde waren: So kann das Gesehene verallgemeinert werden, es kann jedem widerfahren, auch einem selbst. Weit mehr, als wenn es einer (konkreten) Person widerfährt, von der man sich bequem distanzieren kann.

Ein Wort zu „Badger“, einer anderen zeichnerischen Figur von dir: Badger scheint mir das niedliche Gegenstück zu den groben und reiferen Zeichnungen von „The Lengths“ zu sein …

Ich sehe sie gar nicht als so verschieden. In „Badger“ geht es ums Überleben und um Stärke als Einzelgänger. In „The Lengths“ sehe ich kleine Zeichen von absurdem Humor, den andere Menschen in der harten Handlung nicht entdecken.

Dein Schwarz-weiß-Stil – war er eine bewusste Entscheidung für den Comic oder bevorzugst du ihn generell in deinen Arbeiten?

Den Stil habe ich speziell für „The Lengths“ entwickelt. Die Welt von „Badger“ ist sehr weich gezeichnet, eher gedämpft, angenehme Töne, weichgezeichnet. In meinen anderen Comics gibt es eher Andeutungen von Farbe und klare Linien. Für „The Lengths“ wollte ich einen nüchternen, schonungslosen Stil.

Gibt es Vorbilder für deine Arbeit? (Comic-)Künstler, die dich inspiriert haben?

Die Einflüsse sind sehr unterschiedlich. Obwohl ich Comics liebe, gibt es einen großen kunstgeschichtlichen Einfluss, weil ich in einigen Galerien von London gearbeitet habe. Künstler wie Caravaggio, Schiele und Klimt haben Spuren in der ersten Nummer hinterlassen. Aber auch romantische Künstler wie Turner, Goya und Gericault haben mich durch ihren Sinn für Drama und Tragödie inspiriert. Derzeit sind es Künstler wie Kandinsky, Warhol und Mapplethorpe, die meine Arbeitsweise beeinflussen.
Was Comics angeht, greife ich immer wieder zu Frank Millers rauer, dunkler Welt von „Sin City“ zurück oder auf „Maus“ von Art Spiegelman. Aber ich finde auch hellere, einfachere Arbeiten wie Simone Lias „Fluffy“ toll oder den Witz von Lizz Lunney. Ich steh auf fast alles, was mit niedlichen Tieren zu tun hat, denen traurige Dinge widerfahren.

Die zweite Nummer von „The Lengths“ ist für Juli angekündigt. Wie waren die Reaktionen auf Heft 1?

Sehr, sehr positiv. Darüber bin ich froh. „The Lengths“ war anfangs eigentlich ein sehr persönliches Projekt. Ich hätte nie gedacht, damit so viele Leser zu erreichen und dass es sich weiterentwickelt. Mir ist klar, dass ich immer noch am Lernen bin, wie ich die Idee umsetzen kann. Ich bin zwar der Zeichner, aber es gibt viele Leute, die mir helfen und mich unterstützen. Alles alleine zu managen, ist viel Aufwand. Darum brauche ich Hilfe bei dem ganzen organisatorischen Aufwand, damit ich mich auf die Hauptarbeit des Zeichnens und Schreibens konzentrieren kann.

Du lebst in Südlondon, studierst Kulturwissenschaften an der Norwich School of Art and Design … sagt deine Internetseite, dein Alter verrät sie aber nicht. Gibt es noch mehr Geheimnisse über dein Leben, die wir jetzt erfahren sollten?

Es ist kein wirkliches Geheimnis, dass ich 35 bin. Comics zeichne ich erst seit einigen Jahren, zuvor habe ich als Gebärdendolmetscher gearbeitet. Was die schmutzigen Details angeht, da sollen die Leute „The Lengths“ lesen und rätseln, wie viel ich von dem dort gezeigten wusste, ohne vorher Escorts gefragt zu haben.

Du bedauerst, keine Mutantenkräfte zu haben – ist die Fähigkeit, Comics zeichnen zu können, nicht eine tolle Kraft?

Das ist sie bestimmt. Aber ich wünschte mir, sie würde auch wie eine richtige Mutantenkraft funktionieren. Ich müsste mich nur konzentrieren, ein bisschen böse dreinschauen und POW! ein Comic erscheint. Das wäre echt schneller, aber wahrscheinlich auch ein bisschen faul!

Interview & Übersetzung: ©RH

Link: Internetseite zu „The Lengths“ (Preview und Bestellmöglichkeit)

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