„Angst lässt sich erstaunlich gut verdrängen“ Interview mit Blogger Norbert Blech zum CSD in Moskau

In Moskau scheint sich die Situation unmittelbar vor dem für Samstag geplanten, von den Behörden verbotenen CSD zuzuspitzen. Während sich Berlins Bürgermeister Wowereit weggeduckt und die schwulen und lesbischen Menschenrechtsaktivisten bei seinem Moskau-Besuch Anfang der Woche ignoriert hat, gibt es andere wie den ehemaligen US-Soldaten Dan Choi oder den britischen Aktivisten Peter Tatchell, die vor Ort Solidarität zeigen. Für queer.de liefert der Journalist Norbert Blech in einem Live-Blog aus Moskau Fakten und Nachrichten – S.i.e.g.T. hat ihn zu seiner Arbeit befragt …

Soweit ich sehe, ist es das erste Mal, dass es deutsches Live-Blog direkt aus Moskau gibt. Wie kam es dazu?

Wir hatten (wie du auch) in den letzten Jahren immer wieder über den CSD in Moskau berichtet. Der Organisator und Menschenrechtler Nikolai Aleksejew hat uns dann eingeladen, in diesem Jahr teilzunehmen. Wir haben etwas länger darüber diskutiert, konnten und wollten dann aber nicht Nein sagen.

Was erhoffst du dir selbst von deinem Blog?

Ich bin froh, mal aus eigener Hand berichten zu können, normalerweise bin ich Schreibtischtäter und stelle mir aus allen Quellen die Nachrichten zusammen (was auch seine Vorteile hat: so kann man viel schneller reagieren). Was ich mir erhoffe? Etwas mehr Leser als üblich. Berichte über CSDs in Osteuropa gehören nicht gerade zu dem meistgelesenen auf Queer.de.

Auf S.i.e.g.T. auch nicht! – Wie ist deine Situation vor Ort? Die Atmosphäre in der Stadt, unter den russischen Aktivisten?

Die letzten Tage waren noch recht entspannt und lustig – die internationalen Teilnehmer sind zwischen 21 und 71, kommen aus den unterschiedlichsten Hintergründen und sind auch sonst eine sehr bunte Mischung. Vom erfahrenen CSD-Teilnehmer aus Amerika bis zum jungen Paar aus England, das noch nicht so recht weiß, worauf es sich einlässt, ist alles dabei. Die russischen Kollegen waren von Anfang an etwas mehr unter Stress, ein richtiges Treffen fand aber erst gestern statt.

Die russischen Sicherheitsbehörden gelten nicht gerade als zimperlich – hast du keine Angst, in Auseinandersetzungen zu geraten?

Das ist etwas, was uns durchaus bewusst ist, was man aber erstaunlich gut verdrängen kann. Bei einem Planungstreffen gestern wurde die Stimmung teilweise recht besorgt, selbst der wirklich kämpferische Nikolai Aleksejew sagte, dass ersich noch nie so viel Sorgen um die Sicherheit der Teilnehmer gemacht habe. Bereits am letzten Wochenende haben gewaltbereite Nationalisten, unterstützt von orthodoxen Fundamentalisten, gegen den CSD und gegen Homosexuelle demonstriert. Doch trotz vieler Sorgen gibt es auch den definitiven Trotz, nicht zurückzustecken und für die Sache etwas zu riskieren. Letztendlich haben wir aber eine Lösung gefunden, die vielleicht die schlimmsten Extreme vermeidet.

Mehr und Aktuelles im LIVE-BLOG von Norbert Blech auf queer.de

2 Responses to “„Angst lässt sich erstaunlich gut verdrängen“ Interview mit Blogger Norbert Blech zum CSD in Moskau”


  1. 1 Martin Mai 27, 2011 um 9:40 am

    Tolle Sache, dieses Blog! Ich les schon dauernd mit und denke an die Gefühle vor zwei Jahren. Was Norbert berichtet, kann ich gut nachvollziehen und ich hoffe, dass es für ihn und alle anderen sichere Tage in Moskau werden!

  2. 2 Norbert Blech Juni 4, 2011 um 3:07 pm

    Ich sollte noch nachtragen, dass es mit der im Interview angesprochenen risikoarmen Lösung dann wenige Stunden später schon wieder vorbei war und sich doch Angst breit machte. Bis zuletzt haderte ich dann auch mit der Frage, ob das alles Sinn macht, sowie der Frage, ob ich denn nun Journalist oder Aktivist bin. Ich habe das gestern für queer.de zusammengefasst:

    http://www.queer.de/detail.php?article_id=14363


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