„Bierhoff hat der Homophobie ein Gesicht gegeben“ – Offener Brief der Queer Football Fanclubs

In einem Offenen Brief an den Pressesprecher des Deutschen Fußball Bundes, Harald Stenger, übt das Netzwerk europäischer schwul-lesbischer Fußball-Fanclubs (Queer Football Fanclubs (QFF) scharfe Kritik an Oliver Bierhoff. Der Manager der Nationalelf hatte als Reaktion auf eine „Tatort“-Folge zum Thema Homosexualität im Profi-Fußball den „Missbrauch der Nationalelf“ kritisiert und eine Äußerung im TV-Krimi als „Angriff auf meine Familie – die Familie der Nationalmannschaft“ bezeichnet. Hier der QFF-Brief im Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Stenger,
herzlichen Dank für Ihre schnelle Beantwortung unseres Schreibens vom 28. März, in dem wir uns über das „BILD“- Zeitungsinterview des Teammanagers der Deutschen Fußball Herren-Nationalmannschaft, Oliver Bierhoff, verärgert zeigten.
Leider konnten Sie uns in Ihrer Antwort nicht plausibel machen, weshalb Sie unsere Bedenken hinsichtlich der Aussagen von Herrn Bierhoff nicht nachvollziehen können. Leider gehen Sie auch auf unsere Argumentation nicht wirklich ein. Dass die Meinung zur Homophobie-Thematik des DFB von Herrn Dr. Zwanziger bis zu Oliver Bierhoff wie Sie anführen, bekannt ist, ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist ein sensibler Umgang mit konkreten Vorfällen. Und genau diesen bemängeln wir.
Es wird angeführt, dass jemand die Nationalmannschaft und deren Umfeld fälschlicherweise als homosexuell dargestellt hätte. Doch das ist nicht richtig. Im “Tatort” sagt der fiktive Spieler die Sätze nicht, um ein Gerücht zu verbreiten, sondern um seine Haltlosigkeit zu betonen. Er reagiert auf den Verdacht, schwul zu sein, und sagt: „Uns Profi-Fußballern wird doch allen vorgeworfen, heimlich homosexuell zu sein, das hat doch nichts zu sagen.“
Sehr wohl haben wir verstanden, dass Herr Bierhoff sich deshalb auf Anfrage von Bild so geäußert hat, weil ihn und andere in der Nationalmannschaft eben permanente effekthascherische Unterstellungen zum Thema Homosexualität treffen. Sein Gefühl, dass er die Nationalmannschaft missbraucht fühlt, wenn ständig falsche Behauptungen aufgestellt werden, um damit ein Thema prominent zu platzieren, ist aus seiner Position nur logisch.
Doch Herr Bierhoff hat anscheinend nur gehört, dass da jemand gesagt habe, die seien alle schwul. Dass er darauf so heftig reagiert und das Wort “Familie” als Kontrast und vermeintlichen Gegensatz zur Homosexualität benutzt, ist entlarvend. Auch dass er in diesen Sätzen einen Beweis für sinkende moralische Werte; einen Angriff auf sich und seine Familie, “die Familie der Nationalelf”; einen Missbrauch der Prominenz der Mannschaft sieht, macht sein Statement nicht klüger.
Zu Bedenken geben wir auch, dass die im „Tatort“ gewählten Sätze hinsichtlich des „Volkssports“ leider der Realität entsprechen. Die Menschen suchen im Internet massenhaft nach Wortkombinationen; bei Verantwortlichen und Spielern der Nationalmannschaft ist es meist das Wort „schwul“. Das heißt natürlich nicht, dass die halbe Nationalmannschaft schwul ist. Es bedeutet jedoch, dass es ein „Volkssport“ ist, dieses Gerücht zu verbreiten und zu diskutieren.
Und genau darum sorgen wir uns. Vom DFB erwarten wir eine differenziertere und sensiblere Umgangsweise in Interviews mit den Tabloids. Der sicherlich gut gemeinte „Tatort“ ist nicht so medienwirksam wie die negativen Auswirkungen, die dieses “Bild”-Interview von Herrn Bierhoff haben. Uns ist deutlich geworden, dass das Problem nicht nur auf irgendwelche Schwulenhasser in den Fankurven beschränkt ist, sondern dass auch die sich für aufgeklärt haltenden Verantwortlichen im Verband nicht sensibel genug sind. Auch können wir nicht verstehen, dass es überhaupt zu einer solch “entrüsteten” Reaktion kommt. Wäre der Umgang mit dem Thema Homosexualität selbstverständlich, wäre eine Ignorierung angemessen. Wir bitten Sie zu verstehen, dass es uns beschäftigt, wenn jemand entrüstet zurückweist homosexuell zu sein. Es ist weder ein Verdienst noch ein Manko schwul oder lesbisch zu sein! Wir z. B. haben bislang auch noch nie den Verdacht entrüstet zurückgewiesen, dass ein bei Queer Football Fanclubs organisierter Fan heterosexuell sein könnte.
Homophobie heißt wörtlich: Angst vor Homosexualität und Oliver Bierhoff hat der Homophobie im Fußball sein Gesicht gegeben und als einer seiner Repräsentanten damit unserem Gesprächspartner DFB, den wir sehr schätzen.
Deshalb erneuern wir hiermit unsere Bereitschaft zu einem „auf“- klärenden Gespräch mit Herrn Bierhoff.
Mit besten Grüßen
QUEERFOOTBALLFANCLUBS
Netzwerk der schwul-lesbischen Fußballfanklubs in Europa
c/o Dirk Brüllau

(via St. Pauli-Fanladen)
Links: QFF-Internetseite (derzeit in „Überarbeitung“) / Wikipedia zu QFF

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