Einsatz Berliner Polizisten auf schwuler Party am CSD-Tag

Es weckte merkwürdige Assoziationen und zeugte von wenig Gespür der Berliner Polizei. Ausgerechnet an dem Tag, an dem eine halbe Million Schwule und Lesben den Christopher Street Day begeht, tauchten Berliner Polizisten bei der CSD-Party von menstation (Publikum: schwule Bären) auf.
Hunderte schwuler Männer feierten friedlich und ausgelassen im LaVie in der Pariser Str. 23 zum Ausklang des CSD. Zwischen 1 und 2 Uhr in der Nacht vom 27. auf den 28. Juni betraten 4-5 Polizisten in Uniform die Lokalität, mit ihnen mehrere zivil Gekleidete. Angeblich ein Einsatz des Ordnungsamtes zur Überprüfung des Nichtraucher- und Jugendschutzes. Die offene Tür zum Nichtraucherbereich wird geschlossen, einige umherstehende Abfalleimer für Zigaretten entfernt. Die Polizisten geben sich grimmig, breitbeinig, geben keine Auskunft. Man solle „die Frau mit dem Klemmbrett im Arm“ fragen. Nach etwa 10-15 Minuten verlässt die Einsatztruppe das Lokal. Ein Großteil der tanzenden Gäste hat möglicherweise nichts mitbekommen, das Ganze spielte sich im vorderen, im Eingangsbereich ab.
Nur zur Klarstellung: Selbstverständlich müssen auch Kneipen von und Veranstaltungen für Homosexuelle (das LaVie hat seine Räume zur Verfügung gestellt, ist aber sonst keine ausgesprochene Homo-Bar!!) überprüft werden. Dagegen ist nichts zu sagen. Aber ausgerechnet am Abend, da sich der Christopher Street Day zum 40sten Mal jährt??? Also an einem Tag, einer Nacht, in der vor 40 Jahren in New York eine Polizeirazzia in einer Schwulenkneipe stattfand, sich Schwule und Lesben erstmals wehrten und Unruhen auslösten. Ausgerechnet in einer solchen Nacht besteht das Bedürfnis, Polizisten in eine schwule Party platzen zu lassen. Die Mitarbeiter des Lokals sagten, sie hätten noch nie zuvor so eine „Überprüfung“ erlebt. Also das erste Mal und dann gleich bei den Schwulen am CSD-Tag??? Weiß das Ordnungsamt, so es denn eine Aktion dieses Amtes war, nicht, wen oder was sie kontrollieren??? Und ist es üblich, Nichtraucherschutz gleich mit Polizisten in Uniform zu kontrollieren??? Dann muss man sich nicht wundern, warum Polizisten keine Zeit mehr haben, wirkliche Verbrechen, wie etwa Gewalt gegen Schwule, aufzuklären.
Das stimmt mehr als nachdenklich und man mag nicht an einen Zufall glauben. Viele der Anwesenden waren irritiert, einige äußerten die Vermutung, dass es sich um eine gezielte Einschüchterung der Polizei gehandelt habe.
Nun, dafür ist wahrscheinlich zu wenig bis gar nichts passiert. Es wurde keiner der Gäste kontrolliert oder irgendwie behindert. Es bleibt aber ein fader Nachgeschmack. Zur Vertrauensbildung zwischen Berlins Homosexuellen und der Polizei hat diese Aktion jedenfalls nicht beigetragen.

PS: Ich habe per E-Mail bei der Berliner Polizei angefragt, was es mit dem Einsatz auf sich hat. Nachtrag 8.7.09: Hier ist die Auskunft, die ich erhalten habe.

10 Responses to “Einsatz Berliner Polizisten auf schwuler Party am CSD-Tag”


  1. 1 ondamaris Juni 28, 2009 um 2:15 am

    klasse, dass du nachgefragt hast – bin auf reaktionen gespannt.
    und – ich hoffe der veranstalter hat da auch nachgefragt und druck gemacht? an die öffentlichkeit damit …

  2. 2 Janusch Juni 28, 2009 um 1:52 pm

    Warum sollte die Polizei darauf eine Antwort geben, und warum sollte sie nicht auch eine Schwulenparty kontrollieren.

    Außerdem was verlang ihr von der Polizei soll sie lachend die
    Party kontrollieren, nein es ist nichts besonderes an dem Verhalten der Polizei zu erkennen.

    Im übrigen haltet ihr euch für sowas besonderes das die Polizei nicht kontrollieren kann wann sie und wo sie will.

    Gruß
    Janusch

  3. 3 samstagisteingutertag Juni 28, 2009 um 2:12 pm

    @ Janusch: Du hast den Text nicht gelesen und nutzt eine Gelegenheit, deine Vorurteile abzusondern. Im Text steht, dass die Polizei natürlich kontrollieren kann und muss. Es geht darum um einen besonderen Kontext. Der ist dir aber egal, weil du – aus welchen Gründen auch immer – Schwulen Arroganz unterstellst. Siehst du dich als Teil einer 95%-Mehrheit so benachteiligt?

  4. 4 Janusch Juni 28, 2009 um 2:30 pm

    Hallo,

    da täuscht du dich aber, es ist mir egal was einer ist wer er ist welche Religion er angehört und ob er/sie Schwul ist.

    Das ist doch nicht meine Aussage und ob es nun etwas besonderes ist das finde ich nicht und wenn Moslems eine 500 Jahr feier hätten wäre es mir egal wenn da die Polizei mal vorbei schaut.

    Warum seit ihr nur so empfindlich fühlt euch gleich angegriffen, das war nicht meine Absicht.

    Feiert doch euer Fest aber unterstell mir nicht ich sei ein Schwulenhasser, auch ich gehöre einer Minderheit an und bin sehr Tolerant.
    Da liest du also aus meinen paar Zeilen meine ganze Persönlichkeit
    Toll.
    Gruß
    Janusch

  5. 5 samstagisteingutertag Juni 28, 2009 um 2:38 pm

    @ Janusch: Nein, ich habe doch nicht geschrieben, du seist ein Schwulenhasser, sondern dass du „uns“ die Frage stellst, „Haltet ihr euch für was Besonderes“ – das habe ich gedeutet als du hältst „uns“ für arrogant. Darin habe ich ein Vorurteil gesehen – übrigens vielleicht auch genervt durch die am CSD-Tag übliche „Müsst ihr euch dauernd so bemerkbar machen“-Kritik. Vielleicht habe ich dich also meinerseits allzu schnell in diesen Topf gepackt.

  6. 6 Janusch Juni 28, 2009 um 2:41 pm

    Ja das glaube ich auch.

    Ja aber gerade Minderheiten müssen sich bemerkbar machen.

    1933 ist es ihnen nicht gelungen gerade darum finde ich das Bemerkbar machen OK und nötig.

    Gruß
    Janusch

  7. 7 gelderlander Juni 28, 2009 um 5:27 pm

    ….vielleicht ein kleiner Vorgeschmack auf den bald zu 100% existierenden totalitären Überwachungsstaat?

    Oder vielleicht der Tip von Radikalen Barebackhassern? Die am liebsten jeden, der ohne Gummi poppt, hinter Gittern sehen wollen….

    Oder vielleicht ein übertriebener „Jugendschutz“Einsatz?

    Bei dem scheiß, der in letzter Zeit so von Politikern losgelassen wird und durch die Medien geistert, wären die letzteren beiden vermutungen gar nicht so abwegig

  8. 8 Lars Juni 28, 2009 um 6:46 pm

    @janusch

    Ich war auf dieser Party und fand den Einsatz unverhätlnismäßig.
    Natürlich finde ich es als Nichtraucher schön, dass auf die Einhaltung des Nichtrauchergesetzes geachtet wird, aber solche Kontrollen kann man auch unauffälliger machen.
    Ich denke, dass hier ein Wilmersdorfer Alteigesessener sich arg über die Präsenz von so vielen Schwulen aufgeregt hat und einen anonymen Tip gegeben hat.
    Die Polizei kam auch noch mal kurz nach 3 wieder, um wieder nichts zu beanstanden.

    Dazu noch ergänzend: Die Menstation-Macher feiern jedes Jahr traditionell am Rande des CSD eine Straßenparty (als Teil des CSD).
    Dazu gibt es immer einen kleinen Ghettoblaster und Plakate.
    Gegen 12:40 hat die Polizei am Wittenbergplatz die Leute aufgefordert, die Musik abzustellen und die Plakate einzurollen, weil die Demo nicht angemeldet war. (tolle Begründung)
    Man bemerke, dass der erste CSD-Wagen zu diesem Zeitpunkt ca. 100m entfernt war.

    Außerdem sind mir während des ganzen Tages sehr viele abfällige Bemerkungen von Polizisten aufgefallen.

    Ich neige nicht zu Übertreibungen, aber hier ist ein konservativer Rollback im Gange. (siehe auch Bericht in der Siegessäule über die bevorstehende Zwangsschließung des Hotels „Kinky Tulip“)

  9. 9 GAYS.DE Juni 29, 2009 um 3:54 pm

    Überwachungsstaat hin oder her – die Aktion ist schon etwas makaber! Die Überprüfung von seiten des Amtes sicherlich nachvollziehbar, aber ein wenig Recherche und man hätte die Aktion auch in weniger aufsehenerregender Form durchführen können.
    Nunja, vielleicht war es auch reines Interesse? MAn weiß es nciht, man steckt ja bekanntlich nciht drin….

  10. 10 Nachrichten Juli 8, 2009 um 9:39 am

    Ein sehr interessanter Artikel. Sollten Sie noch weitere Informationen haben – wurde ich mich freuen


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