Neuer Anschlag auf Homo-Mahnmal

Das Berliner Mahnmal für die von den Nazis verfolgten Homosexuellen ist erneut beschädigt worden. Unbekannte haben, wie beim letzten Mal, wiederum die Sichtscheibe, durch die man ein sich küssendes Männerpaar sehen kann, beschädigt. Das berichten Tagesspiegel und queer.de. Im Bericht des Tagesspiegel wird Uwe Neumärker, Geschäftsführer der Stiftung für das Denkmal für die ermordeten Juden Europas, zitiert, er lehne es ab „das Homosexuellen-Mahnmal rund um die Uhr bewachen zu lassen. Das wäre ein falsches Signal“. Schon nach dem ersten Anschlag wusste auch Berliner Kultursekretär André Schmitz gleich, dass es keine ständige Videoüberwachung geben solle. Der „offene Charakter“ des Mahnmals solle gewahrt bleiben. Ich finde die Haltung, ehrlich gesagt, ziemlich verwunderlich und, mit Verlaub, nach dem neuerlichen Anschlag ist das Signal doch eher dies, dass man so, wie man in Berlin jederzeit ungestraft Schwule und Lesben verprügeln kann, man auch ungestraft jederzeit die Mahnmale der Schwulen beschädigen kann. Dass man jederzeit schwule Einrichtungen terrorisieren kann, wurde ja schon beim Cafè Positiv bewiesen. Stattdessen übt sich Berlins Riege der Verantwortlichen wieder in Empörung, lehnt aber jedes ernsthafte Eingreifen ab. Also nochmals die Frage: Wieso sind Mahnmale von Homosexuellen nicht wert, geschützt zu werden?

10 Responses to “Neuer Anschlag auf Homo-Mahnmal”


  1. 1 ondamaris Dezember 16, 2008 um 8:29 pm

    sicherlich sind sie es wert geschützt zu werden – aber ob es förderlich ist, ein rund-um-die-uhr videoüberwachtes mahnmal zu haben? da muss man gar nicht an „rosa listen gleich freiwillig liefern“ denken, sondern einfach nur daran, wer dann alles aus wer weiß was für gründen nicht dahin gehen würde. also: videoüberwachung hielte ich zunächst mal für ne schnapsidee. vielleicht hilft ein weneig gelassenheit – abwarten, aushalten – und standhaft bleiben. das jedenfalls wäre meine strategie …

  2. 2 TheGayDissenter Dezember 16, 2008 um 8:55 pm

    Möglicherweise reicht das Ausmaß der Zerstörung noch nicht aus, um eine wirksame Bewachung oder Überwachung für ein richtiges Signal zu halten.

    Die in Berlin ja nicht unmaßgebliche Partei „Die Linke“ hat durch ihren Landesvorsteher erst kürzlich mitgeteilt, dass sie der Ansicht sei, antischwule Gewalt werde am besten bekämpft, indem man sie nicht zur Kenntnis nimmt und auf gar keinen Fall die Behörden damit behelligt, denn die müssten dann ja tätig werden. So will man nun wohl auch im Falle des Mahnmals verfahren. „Der Staatsschutz ermittelt“, schreibt die Welt. Haha, eine der lächerlichsten Polizeibehörden der Welt ermittelt – wie beruhigend.

    Und die Wendung „offener Charakter“ erhält vor dem Hintergrund der wiederholten Beschädigungen eine ganz neue Bedeutung: Offen für antischwule Gewalt.

    Gleichwohl (ich meine das nicht zynisch): Das Mahnmal erfüllt eine wichtige aktuelle Funktion. Nun wird antischwule Gewalt sichtbar. Während Gewalt gegen schwulen Menschen oftmals nicht bekannt wird, weil die Betroffenen weitere Nachteile für sich befürchten, fällt es wohl leichter, Gewalt gegen Sachen Publik zu machen. Jedenfalls ist schon in der internationalen Presse von dem neuerlichen Vorfall zu lesen, während Gewalt gegen schwule Menschen so nicht wahrgenommen und damit für weitgehend inexistent gehalten wird.

  3. 3 samstagisteingutertag Dezember 16, 2008 um 9:39 pm

    @ gaydissenter: Ich stimme deinem Punkt mit der Funktion der Sichtbarmachung zu! Das ist nicht zu unterschätzen! (womit man natürlich irgendwo akzeptiert, dass Gewalt gegen „symbolische Dinge“ auch „symbolisch“ höhere Aufmerksamkeit erregen, während die alltägliche Gewalt gegen Menschen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle bleibt.)

    @ Ondamaris: Rosa Listen sind heute durch Datenabgleich und Rasterfahndung ziemlich leicht und präzise zu erstellen, ich glaube, der Überwachungsstaat könnte sich die Auswertung der Videobänder sparen. Aber ernsthaft: Natürlich ist diese „Überwachung“ ein heikler Punkt, aber mal wieder nur abwarten ist mir zu wenig. Um mal was ganz 70er Jahre-mäßiges vorzuschlagen: Vielleicht sollte die Community einen eigenen Wachdienst organisieren, wenn der „staatliche“ versagt. (Ich weiß, ganz gefährliches Terrain!)

  4. 4 Antiteilchen Dezember 16, 2008 um 9:44 pm

    Langsam kann ich mich für eine Videoüberwachung auch erwärmen, trotz aller Bedenken! Zumindest fordere ich sofort eine Leuchtquelle am Mahnmal um es den Schändern nicht all zu leicht zu machen!

  5. 5 ondamaris Dezember 17, 2008 um 7:05 am

    @ samstagisteingutertag:
    communityeigener wachdienst? oooops, das ist tatsächlich vermintes gelände – nicht mit mir …
    (da fallen mir dann gleich einige braune homo-herren von diversen fetisch-festivals oder blaue-seiten-profilen ein …)

  6. 6 samstagisteingutertag Dezember 17, 2008 um 8:59 am

    @ ondamaris: Natürlich war der Vorschlag ganz provokativ (auch wenn ich beim Schreiben an einen ganz regulären Wachdienst gedacht habe, wie er von vielen Firmen heutzutage geordert wird und nicht an den privaten Homo-Schlägertrupp – nämlich als Antwort auf einen angeblichen Wachdienst von der Stiftung, der ja wenig effektiv zu sein scheint) – der Punkt sollte aber eigentlich sein, dass die Community sich was überlegt, und nicht von oben herab uns gesagt wird, ob und in welchem Umfang wir uns gefallen lassen müssen, „symbolisch“ zerstört zu werden. Der Vorschlag von Antiteilchen ist da doch da schon ziemlich gut!

  7. 7 hamsterbacke Dezember 17, 2008 um 2:12 pm

    hm, hab die oberen kommentare gelesen und denk mir dabei, dass es garnicht so schlecht ist wenn ein ding für die gewalt herhalten muss. und anscheinend wird das eher berichtet und mehr wahrgenommen als wenn es den mensch trifft. von daher ist das doch garnicht so schlecht wenn gewalt gegen homos in die öffentliche warnehmung gerückt wird. dann können andere maßnahmen ergriffen werden als videoüberwachung. was das im detail sein soll kann man sich noch überlegen. kann mir nicht vorstellen, dass die videoüberwachung viel bringen würde. bei solch lichtverhältnissen und dann sind die täter garantiert mit kapuzen unterwegs. wenns sein muss werden dann halt die kamaras zuerst zerstört und dann das mahnmal.

  8. 8 ondamaris Dezember 17, 2008 um 3:02 pm

    @ samstagisteingutertag:
    na … und antiteilchens vorschlag find ich ja auch gut, unterstützenswert.
    ansonsten: ein wneig mehr gelassenheit. und der gedanke (ähnlich wie hamsterbacke), dass so auch die gewalt erst für jeden und öffentlich bzw medial sichtbar wird – auch ein effekt, und kein zu unterschätzender …

  9. 9 Thommen Dezember 17, 2008 um 7:57 pm

    Wer sich darüber wundert, hat vorher nicht darüber nachgedacht. Als „ausenstehender“ Schweizer rege ich zu fragen an, ob nicht vielleicht das Konzept ein falsches ist! Wenn es „pulsierendes Leben“ in oder um, oder neben dem „Mahnmal“ geben würde, wäre alles nur halb so schlimm…

  10. 10 barebacking2009 Dezember 20, 2008 um 8:07 pm

    Videoüberwachung? Was soll das bringen? Dann vermummen sich die Täter eben. Oder sie treten ganz offen auf, so wie bei Mannichl.

    Ich würde das sichtfenster so gestalten, das es entweder aus MSVG (Mehrscheibenverbundglas) besteht oder das dahinter ein Prisma gesetzt wird, so dass das Bild trotzdem zu erkennen ist.

    Vielleicht wäre auch die aufstellung an einem öffentlichen Ort hilfreich, anstatt es im Tiergarten zu verstecken.


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