Sommerstückchen (3)

In deiner Heimatstadt wird heute der Tag der Christopher Street gefeiert, und trotz deines ambivalenten Verhältnisses zu der Stadt freust du dich. Vom hoch gelegenen Restaurant im gläsernen Kubus konntest du schon vor Tagen die Fahnen mit dem bunten Logo am Rande des Parks flattern sehen. An einer Litfasssäule das Plakat zum neuen Programm eines Travestiekünstlers. Den kennst du noch aus der Studienzeit. Sein Fach war Theologie. Jetzt predigt er auf lustvollere Weise.
„Es ist so schön, Sie Dialekt sprechen zu hören!“, hatte die Anwältin zum Schluss des Telefonates gesagt.
„Kannst du eigentlich noch unseren Dialekt?“, hatte eine deiner Schwestern am Schluss einer E-Mail gefragt.
Insistieren auf vorgegebenen Verhaltensweisen, Kontrolle deren Einhaltung. Dieser ewige Argwohn, man könne sich nicht daran halten. – Entspann dich! Es ist entspannter geworden, auch dort. Selbst wenn längst nicht aller Druck aus dem Kessel mit seinem grünen Rand entwichen ist.
Das gestrige Telefonat mit H. Ihr sprecht so selten miteinander, aber wenn, dann musst du den Schmetterling immer noch im Zaum halten. Selbst wenn das Thema der Tod ist.
H. spricht Dialekt. Du kannst dich gar nicht erinnern, ob du ihm gegenüber auch in den Dialekt verfallen oder beim großstädtischen Hochdeutsch geblieben bist. In deiner Heimatstadt wird das „Hoch“ als Arroganz interpretiert. In der Stadt, in der du jetzt lebst, ist die Reaktion auf deinen Akzent für gewöhnlich Chauvinismus. Das Spiel kennst du. Als nächstes kommt das mit dem Geiz. Und das ausgerechnet hier. In dieser Stadt, die keine Formen der Höflichkeit, kein Wohlwollen kennt.
Immerhin diese Überlegung nach so vielen Jahren: Vielleicht ist die Sozialkontrolle in deiner Heimatstadt, aus der du geflohen bist, auch eine Form der Anteilnahme? Selbst wenn sie praktisch die Form des endlosen Gezänks zwischen Nachbarn annimmt. Auf perfide Weise ist einem der andere doch nicht egal.
Und sei ehrlich, es war alter Groll gegenüber deiner Heimatstadt, der dich annehmen ließ, der Anruf eines Nachbarn deines Bruders gelte bestimmt der dringenden Frage, wer es jetzt übernehmen wird, den gelben Sack an den Straßenrand zu stellen. Wie du in deiner vorauseilenden Fantasie noch höhntest, dass es wenigstens ein anderes Ritual der sozialen Reglementierung nicht mehr gäbe, sonst hättet ihr jetzt ein echtes Problem und die Anwohner müssten über ein ungekehrtes Stück Bürgersteig laufen.
Stattdessen stehen vor der Tür der Wohnung deines verstorbenen Bruders zwei kleine Vasen mit frischen Blumen. Jeden Abend zündet eine Nachbarin ein kleines Teelicht davor an.
Du denkst an dein Coming-out. Für deinen Bruder war das nichts Besonderes, du warst ihm immer schon etwas Besonderes. In den achtziger Jahren „wanderte“ die Demonstration der Schwulen und Lesben noch, fand immer in anderen Städten deiner einstigen Heimat statt, bewegte nur eine kleine Hundertschaft. Und du mit M. unter den bunten Luftballons – selbst dieser Schmetterling flattert noch, obwohl du keinen Kontakt mehr zu ihm hast. Er wohne, so hat man dir vor Jahren berichtet, mittlerweile in der gleichen Stadt wie du.
In deiner Heimatstadt wird heute CSD gefeiert. Du freust dich.

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