“Verengung des historisch-analytischen Blicks”: Lesbenberatung und LesMigras zur Mahnmal-Debatte

In der Debatte, ob es eine Verfälschung der Geschichte darstellt, wenn möglicherweise künftig statt eines Männerkusses ein Kuss zweier Frauen als Teil des Berliner Mahnmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen gezeigt wird – darüber entscheidet derzeit ein Wettbewerbsverfahren -, haben sich nun die Lesberatung Berlin und LesMigras (Lesbische Migrantinnen und schwarze Lesben) mit einer eigenen Stellungnahme zu Wort gemeldet.
Darin wird die österreichische Politikwissenschaftlerin und Journalistin Gudrun Hauer zitiert: „Die Verengung des historisch-analytischen Blicks auf  den Tatbestand der Verfolgung in Form von Strafprozessen und Zwangseinweisungen in Konzentrations- und Vernichtungslager verzerrt vielfach die geschichtliche Realität – vor allem von Lesben.“ Mit ihrer Stellungnahme warnen die Autorinnen vor einer “Hierarchisierung” der Leiden von Schwulen, Lesben und Transgender mit dem Argument einer gesetzlich “legitimierten” Verfolgung. Sie verweisen auf den Umstand, dass das Leben von Lesben unter der Nazi-Diktatur auch von den Zumutungen der nationalsozialistischen Frauen- und Rassenpolitik betroffen war . Wie die Autoren des “Offenen Briefes” greifen sie die Formulierung der “Instrumentalisierung” historischen Gedenkens auf:  “Um die Instrumentalisierung von Erinnerungs- und Gedenkpolitik zu vermeiden ist es notwendig, die Verfolgung, Deportation und Ermordung von lesbischen Frauen und Transidenten als Jüd_innen, „Asoziale“, „nicht-Arische“ anzuerkennen.”
Nachfolgend ein Auszug aus der Stellungnahme der Lesbenberatung Berlin und LesMigras:

“Die nationalsozialistische Homosexuellenpolitik war geschlechtsspezifisch auf Männer ausgerichtet. Die unterschiedliche strafrechtliche Behandlung spiegelt die im NS geförderte Politik der extrem polaren Zweigeschlechtigkeit, patriarchaler Tradition und der gesellschaftlichen Position der Frauen wider. Trotz ständiger Forderung nach der Kriminalisierung weiblicher Homosexualität, wurden lesbische Frauen aufgrund ihrer Sexualität nicht systematisch verfolgt. Die geschlechtspezifische Verfolgung der Homosexuellen wurde, so konstantiert Claudia Schoppman (1993), mit folgenden Argumenten durch Politiker und Prominente wie z.B. Justizminister Thierack und Jurist und SS-Scharführer Rudolf  Klare legitimiert: wegen sozial bedingtem Rollenverhalten wurden Frauen als
angeblich zärtlicher angesehen und hatten mehr emotionale Umgangsformen untereinander, es wäre daher schwer zwischen dem ‘erlaubten’ und ‘unerlaubten’ Verhältnis zu unterscheiden. Außerdem waren Frauen grundsatzlich untergeordnet und aus den Machtzentren ausgeschlossen, sie stellten nur geringe Gefahr für die ‘Verfälschung des öffentlichen Lebens’ dar. Und wegen des Stereotyps von der pseudohomosexuellen (damit ‘kurierbaren’) lebischen Frau und der Passivität, die mit dem weiblichen Geschlechtscharakter (eine weibliche Sexualität und damit auch Homosexualität schien undenkbar zu sein) verbunden sei, sah man die NS Geburtenpolitik durch die weibliche Homosexualität als nicht gefährdet. Der Nationalsozialismus hat das Geschlecht zu einem zentralen Mittelpunkt seiner Politik gemacht. Das Leben derjenigen Lesben, die nicht primär aus rassistischen,    politischen oder sozialen Gründen verfolgt wurden, wurde daher stärker durch die NS Frauenpolitik als durch die NS Homosexuellenpolitik beeinflusst. Es gilt sich aber zu fragen, ob und wie lesbische Frauen ihre Sexualität ausleben konnten. Welche Handlungsräume hatten sie überhaupt? Als Lesben und als Frauen? Als Lesben und als Jüdinnen?
Die Unterzeichner_innen des Offenen Briefes stellen richtig fest, dass „auch die Freiheitsrechte lesbischer Frauen beschnitten wurden, z.B. dadurch, dass man ihre Zeitschriften verbot“. Darüber hinaus wurden nach dem März 1933 ihre Vereine, Lokale und Treffpunkte geschlossen, sie hatten Denunziation und die zahlreichen Razzien in lesbischen Lokalen, deren Besucher_innen der Prositution verdächtigt wurden, zu fürchten. Wenn die lesbischen Frauen ins KZ geschafft wurden, wurden sie meistens als ‘Asozial’ stigmatisiert. Himmlers Erlaß zur ‘Vorbeugenden Verbrechensbekämpfung’ vom Dezember 1937 ermächtigte die Polizei zu weitreichenden Maßnahmen im Kampf gegen die inneren Feinde der Volksgemeinschaft. Als ‘Asozial’ galten alle, die ‘sich dem totalen Leistungsanspruch des NS-Staates zu entziehen suchten’ , zu den als asozial geltenden wurden u.a. ‘sexuell Verwahrloste’, Frauen die Kontakte mit Fremden und Juden hatten, Prostituierte oder auch lesbische Frauen gezählt. Offene Repression gegen Lesben gab es entsprechend dort, wo die ideologische Unterdrückung lesbischen Lebens nicht gelang. Lesben wurden als ‘Asozial’, Prostituierte, Volksfeindinnen und Wehrkraftzersetzerinnen in die Kzs  deportiert, mussten dort Zwangsarbeit leisten und wurden nicht selten ermordet.
Die Angst vor Denunziation, Verfolgung und Deportation in die KZs verdrängte Lesben aus dem öffentlichen Leben in die Verheimlichung. Manche haben die Kontakte mit ihrer vorherigen Umgebung völlig abgebrochen oder haben ein Doppelleben gelebt. Geschlechtspezifische Arbeitsteilung mit den daran geknüpften Reproduktionsarbeiten hat die lesbischen Frauen insbesonders besonders stark beeinträchtigt. Unverheiratete lesbische Frauen wurden zur Erwerbsarbeit gezwungen, „arische“ Lesben zur Reproduktion, nichtarische’ und andere aus sozialen Gründen unerwünschte Frauen waren von einem Fortpflanzverbot und Zwangssterilisation betroffen. Schoppmanns Schätzung nach heirateten seit 1933 1,4 Milionen lesbischer Frauen Männer (oft auch homosexuelle Männer).
Lesbische Existenz, lesbisches Leben und Überleben waren durchaus möglich und wurden auch gelebt. Sicherheit gewährleisteten Unauffälligkeit und Verleugnung der eigenen Identität. Die seltenen Interviews mit den betroffenen Frauen zeigen, wie bewusst sie sich waren, dass sie von Verfolgung bedroht waren und unter dem Zwang zur Verheimlichung standen. Viele Lesben passten sich an das propagierte Frauenbild – Zuordnung zu einem Mann und Unterordnung- an. Für verfolgte Lesben führte die rassistische und totalitaristische NS-Politik oft zur Emigration und zum Leben im Untergrund.”
Der gesamte Brief als PDF via Internetseite der Lesbenberatung / in einer leicht veränderten, aber inhaltlich gleichlautenden Online-Fassung via Lesben.org

Weitere Dokumentation:
Der “Offene Brief” von 20 Unterzeichnern an Kulturstaatsminister Neumann

Die Erwiderung von Bernd Neumann

1 Antwort zu „“Verengung des historisch-analytischen Blicks”: Lesbenberatung und LesMigras zur Mahnmal-Debatte“


  1. 1 etz April 10, 2010 um 3:37 nachmittags

    Die Version auf Konnys Lesbenseiten ist die ursprüngliche, die am 1. April per e-Mail verbreitet wurde. Die PDF-Version auf der Seite der Lesbenberatung ist eine überarbeitete Fassung, die nun wieder allerlei Mythen wieder heraufbeschwört, die längst widerlegt sind.

    Nett wäre es gewesen, wenn die Lesbenberatung auch den aktuellen Beitrag von Gudrun Hauer auf lernen-aus-der-geschichte.de zur Kenntnis genommen hätte:

    http://lernen-aus-der-geschichte.de/Lernen-und-Lehren/content/7809/2010-03-08-Anmerkungen-zur-Verfolgung-von-lesbischen-Frauen-im

    Dort kann man unter anderem lesen:

    “Es kann jedoch keinesfalls die Behauptung aufrechterhalten wurden, dass sie [die Lesben] gleichermaßen eine Opfergruppe des Nationalsozialismus waren wie etwa homosexuelle Männer. In allen Verfolgten- und Opfergruppen waren lesbische Frauen vertreten, aber: Lesbische Jüdinnen wurden verfolgt, weil sie Jüdinnen waren und nicht weil sie lesbisch waren. Lesbische Widerstandskämpferinnen wurden aufgrund ihrer politischen Aktivitäten verfolgt und deportiert.

    Dieser „lesbische Opfermythos“, wie er etwa in den Diskussionen um das Berliner Homomahnmal sichtbar wurde, hat jedoch sehr wenig mit den bislang erforschten historischen Fakten zu tun, sondern vor allem mit der Forderung nach Sichtbarkeit und bislang nur sehr unzureichender Sichtbarmachung von Lesben generell in Geschichte und Gegenwart.”

    Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Claudia Schoppmann:

    http://www.lesbengeschichte.de/politik-subkultur_d.html


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