Neumann weist Kritik zurück: Erwiderung des Kulturstaatsministers auf “Offenen Brief” zum Homosexuellen-Mahnmal

Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat auf einen “Offenen Brief” reagiert, mit dem die Unterzeichner (vor allem Leiter von KZ-Gedenkstätten) auf die Entscheidung Einfluss nehmen wollten, was für eine Filmsequenz die nächsten zwei Jahre als Teil des Mahnmals für die in der Nazi-Zeit verfolgten Homosexuellen gezeigt werden soll. Sollte ein Lesbenpaar gezeigt werden, befürchten die Unterzeichner “Geschichtsklitterung” und “Instrumentalisierung des Mahnmals”. Ich habe den Wortlaut des “Offenen Briefes” weitgehend hier dokumentiert, darum soll auch die heute veröffentlichte Replik des Staatsministers hier wiedergegeben werden.


“Mit der Option der Darstellung eines lesbischen Filmmotivs beim 2008 in Berlin eröffneten Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen ist keinesfalls eine Gleichsetzung von homosexuellen Männern und Frauen im Hinblick auf ihre Verfolgung im NS-Regime beabsichtigt; wissenschaftlich ist die Verfolgung lesbischer Frauen durch das NS-Regime in vergleichbarer Form wie bei homosexuellen Männern nicht belegbar. Dies wird auch ausdrücklich auf der Erläuterungstafel am Denkmal so dargestellt.
Dennoch wurden auch die Freiheitsrechte lesbischer Frauen im Dritten Reich eingeschränkt, z.B. dadurch, dass man ihre Zeitschriften verbot. Während der Errichtung des Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen löste die Zeitschrift Emma 2006 eine Diskussion um die Berücksichtigung weiblicher Homosexualität aus.
Diese Diskussion wurde auch von Mitgliedern des Deutschen Bundestages aufgenommen. Die zuständigen Sprecher aller Bundestagsfraktionen sprachen sich damals im Einvernehmen mit dem Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD) dafür aus, auch lesbische Motive in die Gestaltung des Denkmals zu ermöglichen.
Sie bezogen sich dabei auf den Beschluss des Deutschen Bundestages vom 12. Dezember 2003, nach dem das Denkmal auch als gegenwarts- und zukunftsbezogene Mahnung zur Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Lebensformen gedacht ist.
So heißt es in dem Bundestags-Beschluss: Mit diesem Denkmal will die Bundesrepublik Deutschland die verfolgten und ermordeten Opfer ehren, die Erinnerung an das Unrecht wach halten und ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen.
Vor dem Hintergrund der damaligen Diskussion hatte das Künstlerduo Ingar Dragset und Michael Elmgreen einen regelmäßigen Wechsel des im Inneren des Denkmals zu sehenden Films derzeit zwei küssende Männer vorgeschlagen, um die weibliche Perspektive zu berücksichtigen und somit auch dem Bundestagsbeschluss umfassend gerecht werden zu können. Die Denkmalsinitiative, der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands (LSVD), der Kulturausschuss des Deutschen Bundestages (einmütig) sowie die Bundesregierung erklärten sich mit diesem Vorschlag einverstanden.”

Quelle: Presseamt der Bundesregierung

10 Antworten zu „Neumann weist Kritik zurück: Erwiderung des Kulturstaatsministers auf “Offenen Brief” zum Homosexuellen-Mahnmal“


  1. 1 etz März 25, 2010 um 7:01 vormittags

    Die Absurdität der Argumentation Neumanns wird deutlich, wenn man sich vor Augen hält, dass auf der anderen Seite der Ebertstraße an das Schicksal von sechs Millionen ermordeten europäischen Juden erinnert wird, während das Homosexuellen-Denkmal jetzt zur Erinnerung daran mutiert, dass die Lesben ihrer Zeitschriften-Lektüre verlustig gingen.

    Dieses – der Verlust der Zeitschriften-Lektüre – ist das einzige Argument, das Neumann zur Rechtfertigung dieses Lesben-Kuss-Videos vorbringen kann. Es ist nicht auszuhalten.

  2. 2 Thommen März 25, 2010 um 10:18 nachmittags

    Das Problem besteht darin, dass Lesben und Schwule gegenseitig fast nichts wissen über ihre Geschichte und ihre Verfolgung. Wenn Lesben in einem Schwulen- und Lesbenzentrum einen Aufstand machen gegen das Aufhängen von Plakaten zur Aidsprävention – wie vor Jahren geschehen in Basel – dann sagt das glaub ich schon genug!
    Der Skandal besteht darin, dass Lesben offenbar immer bei “wichtigen” Schwulen-Angelegenheiten adabei sein wollen, sich sonst aber gerne distanzieren von der Schwulenbewegung. Das ist bis heute so! Und daran wird sich wohl länger auch nichts ändern!

    Genauso, wie alle die engagierten Aktivisten für die eingetragene Partnerschaft in der Schweiz nach der Inkraftsetzung alle wieder von der Bildfläche verschwunden sind, inklusive die Lesben…

    Das sind historisch-politische Tatsachen.

  3. 3 samstagisteingutertag März 26, 2010 um 5:53 vormittags

    @ Thommen: Deinen Verallgemeinerungen über Lesben kann ich nicht zustimmen. Es gibt weder “die” Lesben noch “die” Schwulen als monolithischen Block. Außerdem sagst du selbst, dass dein Beispiel “vor Jahren” stattfand. Menschen ändern sich. Der Skandal, folgte ich deiner Interpretation, bestünde dann auch darin, dass es mitunter fast nichts frauenfeindlicheres gibt als Schwule. Aber wie gesagt, ich denke nicht, dass es “die” Schwulen gibt, insofern nutzen solche Verallgemeinerungen nichts oder stimmen nicht.
    Zum Verschwinden der Aktiven: Auch der “Offene Brief” war ein inszenierter PR-Coup eines kleines Zirkels. Ich kann jedenfalls nicht sehen, dass es ihnen um eine offene Diskussion geht. (Oder wenn, soll sie auf 3sat, aber nicht in/mit der Community geführt werden. Selbst Unterzeichner machen ein Geheimnis um den Brief, Leiter der KZ-Gedenkstätten beantworten Anfragen nicht.)

  4. 4 Thommen März 28, 2010 um 7:49 vormittags

    Ich denke, die Diskussion um das Denkmal ist die auslösende erste Verallgemeinerung in der ganzen Sache! ;)

    Aktionen von Schwulen oder Lesben sind immer ein “inszenierter PR-Coup eines kleinen Zirkels”. Alles andere ist nicht fassbar und Wunschdenken nach Stellvertretung und Repräsentation.

    Ich habe seit 33 Jahren einen gaybuchladen und kenne die Szene ziemlich in der Schweiz. Ich schreibe nicht aus meinem Bauch heraus.
    Ich bin auch nicht “lesbenfeindlich”, nur lesbenkritisch und habe einen guten Kontakt in die jünger gewordene Szene. Ihre Einstellung hat sich kaum verändert. Diese Aenderungen wären mir bekannt geworden.

    Ich bin im übrigen auch gegenüber Homosexuellen kritisch! ;)

  5. 5 dietelge März 28, 2010 um 5:12 nachmittags

    vielen dank für diesen link und die differenzierung gegenüber “den” lesben!
    ich bin auch nicht “schwulenfeindlich”, aber solche debatten machen mich seit jahrzehnten stets noch “schwulenkritischer” denn je zuvor!
    apropos: wer oder was genau sind eigentlich “homosexuelle”?
    ich glaub langsam, ich werde lieber transgender …

  6. 6 etz April 3, 2010 um 3:33 vormittags

    @”samstag…”: Mir ist nicht ersichtlich, warum der Offene Brief ein “PR-Coup” sein soll. Ich weiß nicht, von wem Du den Eindruck gewonnen hast, er mache “ein Geheimnis um den Brief”. Auch weiß ich nicht, von welcher Gedenkstätte Du keine Antwort bekommen hast. Das alles wäre aber vielleicht eine hilfreiche Information, um besser verstehen zu können, wie Du zu Deinem Eindruck kommst. Die Diskussion an sich ist nicht neu, aber vielleicht haben einige sie erst jetzt mitbekommen.

    Da Du l-talk ja hier auch verlinkt hast, erlaube ich mir, jetzt noch einmal auf einen Beitrag dieses Blogs (vom 14. Dezember 2009) zu verweisen:

    http://www.l-talk.de/politiken/opfer-wettbewerb-ums-homo-mahnmal-nachste-runde.html

  7. 7 samstagisteingutertag April 6, 2010 um 9:22 vormittags

    @ etz: Wenn am Vorabend des Treffens der Jury ein “Offener Brief” via Kulturzeit von 3Sat lanciert wird, dann nenne ich das einen PR-Coup. Dann hat man die Entscheider im Visier und will medial die Entscheidung beeinflussen. Deshalb ging es den Unterzeichnern auch nicht um eine offene Diskussion – das mag etwas anders sein für jemanden wie Eberhard Zastrau, dessen Meinung und Ausdrucksweise ich persönlich nicht teile, der aber immerhin via queer.de schon mal vorher das “Problem” thematisiert hat.
    Was die Gedenkstättenleiter angeht, geht es mir nicht darum, einzelne bloßzustellen und dir irgendwelche Namen zu nennen. Aber ich habe bis heute noch von keinem einzigen eine Antwort.
    Es dauerte 1 Woche bis ich auf Anfrage den “Offenen” Brief erhielt. Transparenz sieht anders aus.

  8. 8 etz April 6, 2010 um 5:49 nachmittags

    Wie stellst Du Dir eine “offene Diskussion” vor? Ich schlage vor, so, wie das auf

    http://home.arcor.de/archivseite/legenden/

    dokumentiert ist. Da findest Du unterschiedliche “Ausdrucksweisen” und differenzierte Meinungen. Und Du kannst auch da feststellen, dass die Diskussion nicht neu ist. In Anbetracht der Vorgeschichte vermag ich weiterhin keinen “PR-Coup” feststellen. Die von Dir als Ziel des Offenen Briefes angenommenen Entscheider sollten schon wegen der Vorgeschichte von dem Brief in der Sache nicht überrascht gewesen sein.

  9. 9 samstagisteingutertag April 6, 2010 um 7:02 nachmittags

    Na, dann ist ja nun auf die richtige Seite verlinkt!

  10. 10 etz April 7, 2010 um 3:01 vormittags

    Und wir könnten ja nun mit der inhaltlichen Diskussion beginnen. Wie wärs?


Die Kommentare sind zur Zeit ausgeschaltet.



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