Heute tritt erstmals die Jury zusammen, die entscheiden soll, was für eine Filmsequenz künftig Teil des Berliner Mahnmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen sein wird. In der ursprünglichen Konzeption der Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset ist ein sich küssendes Männerpaar zu sehen. Nach Kritik, dass Lesben dadurch ausgegrenzt würden, einigte man sich darauf, dass im Wechsel alle zwei Jahre auch ein lesbisches Paar gezeigt werden solle. In der offiziellen Ausschreibung des Wettbewerbs wird diese Forderung jedoch nicht explizit genannt. “Alle zwei Jahre soll dieser Film durch einen neuen von anderen Künstlerinnen und Künstlern ersetzt werden, die ihre Interpretation einer gleichgeschlechtlichen Kussszene zeigen. Auf diese Weise wird sich das Denkmal ständig verändern.” Die formalen Anforderung für eine Filmsequenz sind lediglich: schwarz-weiß, 2 Minuten Länge, gleichgeschlechtliche Kussszene.
Wohl um Einfluss auf die Jury-Entscheidung zu nehmen, hat eine Gruppe von 25 UnterzeichnerInnen am gestrigen Dienstag einen “Offenen Brief” an Kulturstaatsminister Bernd Neumann in der Presse lanciert. Darin ist von einer drohenden Instrumentalisierung sowie einer Verfälschung und Verzerrung der Geschichte, wenn etwa ein lesbischer Kuss als Teil des Mahnmals gezeigt würde, die Rede. Hier ein Auszug aus dem Brief:
“Mit großer Sorge erfüllt uns nunmehr die Ausschreibung für einen neuen Film für das Denkmal. Äußerst irritiert sind wir über den Ausschreibungstext vom Oktober 2009, demzufolge im Denkmal künftig Interpretationen „einer gleichgeschlechtlichen Kussszene“ gezeigt werden sollen.
Die derzeit gezeigte Kuss-Szene zweier Männer ist ein integraler Bestandteil des Entwurfs der Künstler Michael Elmgreen und Ingar Dragset, der durch eine unabhängige Jury und unter großer Beteiligung der Öffentlichkeit ausgewählt wurde. Historischer Bezugspunkt ist die Kriminalisierung mann-männlicher Küsse mit der Strafverschärfung des § 175 RStGB durch die Nationalsozialisten im Jahre 1935.
Die mit der Ausschreibung nunmehr signalisierte inhaltliche Ausweitung des filmischen Konzepts hin zu Interpretationen „einer gleichgeschlechtlichen Kussszene“ würde es künftig z.B. ermöglichen, auch einen lesbischen Kuss zu zeigen, wie es von verschiedenen Seiten im Sinne einer angeblichen „Gleichberechtigung“ bereits gefordert wird. Eine derartige Neuinterpretation würde aber nicht nur das ursprüngliche künstlerische Konzept des Denkmals in Frage stellen. Sie würde auch zu einer Verzerrung und Verfälschung der Geschichte wie des Andenkens an die Verfolgten führen, die wissenschaftlich nicht zu rechtfertigen ist.Es ist historisch nicht zu belegen, dass lesbische Frauen im Nationalsozialismus individueller Verfolgung aufgrund ihrer sexuellen Orientierung ausgesetzt gewesen seien. Genau dieser Eindruck würde aber erweckt, wenn im Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen künftig ein Film mit einer Kussszene lesbischer Frauen gezeigt würde.
Wohl ist es richtig, dass im „Dritten Reich“ auch die Freiheitsrechte lesbischer Frauen beschnitten wurden, z.B. dadurch, dass man ihre Zeitschriften verbot. Darin unterschied sich ihr Schicksal nicht von dem der großen Mehrheit der Deutschen, die nun unter den Bedingungen eines totalitären Regimes zu leben hatten. Eine ganz andere Qualität hatte die individuelle Verfolgung und Verschleppung in Konzentrationslager, der Millionen Menschen ausgesetzt waren. Auch etwa 10.000 homosexuelle Männer waren von dieser Form des NS-Terrors betroffen. Hingegen ist nicht
ein einziger Fall einer lesbischen Frau historisch zu belegen, die aufgrund ihrer homosexuellen Veranlagung in die Verfolgungsmaschinerie der Nationalsozialisten geraten wäre.
Wir sind es den Opfern des NS-Terrors schuldig, an ihr Schicksal zu erinnern, ohne es durch leichtfertige und historisch nicht zu vertretende Gleichsetzungen zu nivellieren und zu entwerten. Hüten müssen wir uns davor, die Erinnerungs- und Gedenkkultur für gegenwärtige oder künftige Interessen zu instrumentalisieren.
Genau dies jedoch droht nun!”
>>> Der gesamte Brief inklusive der Liste der Unterzeichner als PDF


dazu eine gelungene Kolumne von Götz Aly in der Berliner Zeitung
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0330/meinung/0028/index.html
Vielleicht interessiert es ja auch, eine Stimme aus dem Ausland zur Kenntnis zu nehmen:
Anne Catherine Simon kommentiert in der in Wien erscheindenden Presse:
http://diepresse.com/home/meinung/marginalien/548729/index.do