Bitte nicht!!! Ich will nicht wissen, ob Michael Jackson schwul war

Wer dieses Blog kennt, weiß, dass ich jedes Coming-out begrüße, teilsweise auch die ungewollten. Zuwachs an der öffentlichen Zahl von Homosexuellen ist immer gut, fast immer jedenfalls: Ab und an gehört auch jemand zur Familie, von dem/der man es sich nicht gewünscht hätte. Und natürlich gibt es die Fälle, wo man gerne outen würde, wie im Fall eines ehemaligen Ministerpräsidenten, aber weiß, dass man schon verklagt ist, bevor man überhaupt die ersten vier Buchstaben „schw“ über die Lippen gebracht hat.
Nun also die Meldung auf queer.de zu Michael Jackson. Gott, was hat das lange gedauert. Sind alle anderen posthumen Skandal-Enthüllungen schon durch? Dass er ein Alien war, gar nicht tot ist und bald schon wieder aufersteht, bla bla bla. Jetzt also Jacksons Schwulsein. Jetzt wo er tot ist, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass man verklagt wird.Und so gibt es die ersten, die irgendwelche Liebhaber von Jackson kennen wollen, und die queer.de fragt süffisant und mit einem infantilen Kichern auf der Tastatur: „War M.J. eine Schwester?“ Und warum fragen wir das erst jetzt?
Interessiert es im Falle eines von Medienmogulen abgericheten, schon von seinem Vater verprügelten, seit frühester Kindheit durch ein Plattenindustriezwangssystem gejagten Mann, der – um es wirklich harmlos zu sagen – sehr große Identitätsprobleme hatte? Sollte Jackson wirklich schwule Neigungen gehabt haben, dann sind sie wohl in seinem Neverland-Korsett erstickt. Nein, pubertierende Menschen sind nicht schwul. Und Michael Jackson war pubertierend. Durch und durch. (Das war er, selbst wenn er im Kohlemachen erwachsen war.) Mag sein, dass er mit Männern im Bett lag, wahrscheinlich lag da auch mal eine Frau und eventuell auch ein Jüngelchen.  Aber Menschen in der Pubertät sollte man nicht eine Zuschreibung verpassen. Es wird sich im Laufe des Lebens schon zeigen, was Sache ist. Jackson hatte diesen normalen Lauf des Lebens vermutlich nicht.
Udn noch ein weiterer Grund, warum mir dieses Hintenrum-Getuschel bei einem Toten nicht passt: Es ist so billig! Im Moment käme selbst jemand, der einen alten Kaugummi von Michael Jackson besitzt, ins Fernsehen.
Die wirkliche Frage ist doch: Was  (und vor allem wann und warum) erlaubt die Medienindustrie welche Form der Sexualität?
Eine sehr sehr gute Antwort gibt es ausgerechnet von KISS-Musiker Gene Simmons (via Towleroad). Der hat dem Star einer amerikanischen Casting-Show „American Idol“, Adam Lambert, den Kopf gewaschen. Sein Gerde über seine Homosexualität habe seine Karriere ruiniert. Lambert sei das beste Talent, das die Show je gehabt habe, aber nun sei er erledigt, weil über sein Schwulsein und nicht seine Musik geredet würde. „Das Leben ist nicht fair, und die Massen leben nicht in L.A. (…) Es wäre schön, wenn die Welt nicht homophob wäre, aber sie ist es. Ich bin der erste, der für gleiche Rechte für Schwule und Lesben ist. Aber hat Lambert seine Karriere damit gefährdet. Ja. Er ist erledigt.“ Er hoffe aber, dass Lambert ihn eines besseren belehre und der nächste Beatle werde!
Das mag einem nicht gefallen, was Simmons da sagt, aber es dürfte den Nagel auf den Kopf treffen. Simmons redet als jemand aus dem Business.Darüber muss man reden – und sich, wie gesagt, fragen, welche Mechanismen die Plattenindustrie hat und warum man sie duldet und mitfinanziert. Und warum eine Mehrheit bei Elton John oder George Michael akzeptiert, was sie bei Newcomern laut Simmons nicht duldet.