Was so passieren kann, wenn man Geschichte allzu anschaulich machen will, das zeigt ein Beitrag auf spiegel online

(Rubrik: Eines Tages / Foto: Screenshot) über den sogenannten „Röhm-Putsch“, der kein Putsch war, sondern eine Aktion der Nazis zur Ausschaltung der SA. Am 30. Juni 1934, also vor 75 Jahren, ließ Hitler den SA-Führer Ernst Röhm in der Pension Hanselbauer in Bad Wiesensee verhaften. Weitere Verhaftungen (und spätere Ermordung) unliebsamer Konkurrenten folgten. Röhms Homosexualität wurde in der folgenden medialen Propaganda gegen ihn ausgeschlachtet.
Im Beitrag von Ernst Piper, der im Titel keine Distanzierung vom Nazi-Schlagwort des „Röhm-Putsches“ aufweist und mit dem Untertitel „Nazis gegen Nazis“ klingt, als habe man es mit ein bisschen Zoff in einer Jugendgang zu tun, liest sich dann folgendes:
„Als Adolf Hitler am Abend des 30. Juni 1934 übernächtigt, bleich und abgespannt nach Berlin zurück kehrte, waren viele SA-Führer schon tot. Doch Hitler zögerte noch, auch seinen Duz-Freund Röhm liquidieren zu lassen. Am folgenden Tag stimmte rang er sich dazu durch, auch den SA-Chef zu opfern, Röhm sollte aber Gelegenheit für einen „ehrenvollen“ Abgang bekommen.“
„Oh, oh, armer Führer“ – bleich und abgespannt. Ja, klar, so viel Verhaftungen, so viel Verbrechen an einem Tag, das kann einen schon mitnehmen. Aber was ein richtiger Mann ist, der hat ja auch Gefühle. Und bei seinem Duz-Freund Röhm, da hat er sich die Haare gerauft und ganz toll mit sich gerungen. Ein Mann, der seinen Duz-Kumpan opfern muss für die höhere Sache … welch ein Drama — Hätte mal besser ein Wellness-Bad zur Entspannung genommen!!
So, genug des Zynismus’: Die blumige Beschreibung Pipers der Seelenlage Hitlers ist nah dran an Verklärung und bedient einen widerlichen Mythos von der männlichen Kameradschaft unter Freunden, von Verrat und Rache. Ein guter Stoff für Schmonzetten, „Führer-Verklärung“ etc. Etwas mehr Distanz zur Sache täte dem Text von Ernst Piper gut. Wir kapieren die Geschichte auch ohne allzu Menschelndes – vorallem ohne dieses große Verständnis für die Seele Hitlers.
(Wer das Ende der Röhm-Schmonzette nicht kennt: Man hat Röhm eine Waffe gegeben, um sich selbst zu erschießen. Das hat er nicht getan, darum haben andere nachgeholfen!)
Interessanterweise kommt der Beitrag im Deutschlandradio (Kalenderblatt) ohne jede Erwähnung von Röhms Homosexualität aus. Hier konzentriert man sich auf das Moment, dass Hitler die Aktion gegen die SA nutzte, ordentliche Gerichte zu übergehen und sich selbst zum „obersten Gerichtsherr“ zu machen.

