Roger Kusch: Das Sterbehelferlein

Es wäre schön, aber Schwulsein schützt leider nicht vor eitler Dummheit. Im Falle von Roger Kusch, jenem Ex-Senator aus Hamburg, darf man das schon seit sehr langer Zeit mitverfolgen. Weil es mit der Sterbe-Maschine, die er vor einiger Zeit noch vorstellte, wohl nicht ganz so ausgereift war, hat er der Frau aus Würzburg den Schierlingsbecher gleich selbst vorbeigebracht. Persönlich finde ich, dass natürlich jeder Mensch das Recht hat, selbst zu bestimmen, wie und wann er /sie aus dem Leben scheiden will. Wir haben uns zwar nicht das Leben geschenkt, wir können es aber uns selbst nehmen. Eines der Mysterien des Lebens und eines, von dem ich mir wünschen würde, dass der Gesetzgeber und profilierungsgeile PolitikerInnen die Finger lassen. Was am Fall von Kuschs Sterbehilfe so widerlich ist, ist seine eitle Selbstinszenierung als Sterbehelferlein und man ahnt schon, wie er sagt, dass er doch alles nur getan habe, um das Thema in der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Geschenkt, das ist die immergleiche Masche der Täter, die sich hinterher zu Märtyrer und Opfer stilisieren. Am meisten aber rührt mich, dass das Schicksal und das Leben der Frau zur Nebensache in diesem Schmierentheater wird. In der taz wird sie mit den Worten zitiert, sie leide nicht im herkömmlichen Sinne, aber ihr Leben sei zu eingeschränkt und sie habe Angst, in ein Pflegeheim zu kommen. Das ist doch das wirkliche Elend: Eine (wie es mir scheint) allein lebende und wohl auch allein gelassene Frau sieht in unserer Gesellschaft keine andere Chance, als ihre Angst mit der Selbsttötung zu bekämpfen? Gibt es keine Verwandten, die ihr diese Angst hätten nehmen können, gab es kein Hospiz, in dem ihr ein würdevolles Altern UND Sterben ermöglicht worden wäre? Was ich gesehen/gelesen habe, klang jedenfalls nicht so, als habe die Frau diese Alternativen in Betracht gezogen und sich trotzdem zu ihrem Schritt entschlossen. Wenn ein Mensch keine Alternativen mehr im/zum Leben sieht, ist das immer traurig. „Trümmerfeld der Eigengeschichtlichkeit“ hat das Jean Amery genannt in seinem Traktat „Hand an sich legen“.
Nicht der Selbstmord/die Selbsttötung als solches ist der Skandal, sondern das Versagen des sozialen Miteinanders. Altenheime haben in Deutschland (und nicht nur hier) den Ruf von seelenlosen Bunkern und Verwahranstalten. Unsere Sozialpolitik, statt zu helfen, erzeugt ein Klima von Angst, mit dem man Menschen in den Tod treibt. Das ist das Problem, das es zu lösen gilt, und nicht die Frage, ob man Giftspritzen in der Apotheke anbieten soll.

3 Antworten zu „Roger Kusch: Das Sterbehelferlein“


  1. 1 rosaschaf Juli 2, 2008 um 11:03

    Interessanter Artikel, gut geschrieben. Ich kann mich der Meinung nur anschließen: dieses selbstinszinierte Theater als Sterbebegleiterlein hat einen faden Beigeschmack.

  2. 2 Antiteilchen Juli 2, 2008 um 5:01

    Peinliche Selbstinszenierung von Kusch auf dem Rücken eines verzweifelten Menschen. Du beschreibst den eigentlichen Skandal richtig!

  3. 3 Jörn Juli 2, 2008 um 5:56

    Der eigentliche Skandal ist doch, dass das Sterbehelferlein beim eigentlichen Sterben nicht dabei war, sondern sich angesichts eines möglichen Strafvorwurfes dezent zurückgezogen hat. Im Nachhinein profiliert er sich auf Kosten der Suizidentin und rühmt sich, ihr einen angenehmen und würdevollen Tod ermöglicht zu haben. Kann er sich da so sicher sein?

    Ich erwarte von einem professionellen Sterbehelfer etwas mehr: eine Betreuung und Begleitung auch während des Sterbens. Aber da hat er den Schwanz eingekniffen und ist vermutlich Kaffeetrinken gegangen.


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