
Wie bereits letzte Woche erwähnt, ist der neue Roman „Mit seinen Augen“ von Jan Stressenreuter erschienen. Mittlerweile steht auch der Termin der Buchpremiere. Am Dienstag, 11. März, wird Jan bei Bruno’s Köln in der Kettengasse 20 um 2o Uhr erstmals aus dem Roman lesen.
Im Interview erzählt Jan mehr über seinen neuen Roman, über die fünfziger Jahre, über die Bedeutung des Internets für ihn und die schwule Welt. Er verrät, wieviele Dates er bereits mit Hilfe der virtuellen Welt hatte und was er über Blogs und Blogger denkt.
Interview mit Jan Stressenreuter
Beim Erscheinen seines letzten Romans „Und dann der Himmel“ habe ich Jan Stressenreuter gefragt, woher er seine Inspirationen nimmt. Seine Antwort war: „Aus der Realität. Ich beobachte und höre zu.“ Dieses Motto hat sowohl ihn auch als auch die Hauptfigur seines neuen, gerade erschienenen Romans geleitet. In „Mit seinen Augen“ erfährt Felix, dass sein verstorbener Vater schwul war. Felix will mehr darüber erfahren, auch darüber, warum seine Mutter ihm dies all die Jahre verschwiegen hat. Mit ihm tauchen die Leser ein in das Köln der fünfziger Jahre.
Wie kam es zu dem Projekt, einen Roman über einen heute lebenden Schwulen zu schreiben, der sich mit dem Leben von Homosexuellen in den fünfziger Jahren auseinandersetzen muss?
Ich finde ganz allgemein, dass man zu heutigen gesellschaftlichen Fragen nur dann kompetent Stellung nehmen kann, wenn man seine eigene Geschichte kennt. Die meisten Schwulen setzen sich nicht damit auseinander. Im Gespräch mit anderen Autoren und Literaturkennern erfuhr ich, dass es so gut wie keinen Roman über die Situation der Schwulen in den fünfziger Jahren gibt, was mich ziemlich erstaunte. Aber ich hatte mein Thema gefunden.
Eine ausführliche Recherche stand am Beginn der Arbeit für deinen neuen Roman. Du konntest auch Zeitzeugenberichte ausfindig machen.
Der Arbeitskreis schwule Geschichte in Köln hat sich Mitte der neunziger Jahre darangemacht, Schwule zu interviewen, die die fünfziger Jahre noch aus eigenem Erleben kennen. Diese auf Tonband aufgezeichneten Interviews liegen mittlerweile als Abschriften im Centrum für schwule Geschichte vor. Sie waren für mich von unschätzbarem Wert, sowohl was die Beschreibungen der damaligen Kölner Szene angeht, als auch um ein Gefühl dafür zu bekommen, unter welchen Bedingungen man damals als Schwuler gelebt hat: welche Ängste man gehabt hat oder wie man sich amüsiert hat. Auch das Schwule Museum in Berlin erwies sich als Fundgrube.
Wie würdest du die Atmosphäre der fünfziger Jahre beschreiben?
Das erste Nachkriegsjahrzehnt war eine verlogene, sehr spießbürgerliche Zeit, in der gerne alles Problematische unter den Teppich gekehrt wurde. Es gab wahrscheinlich kaum einen Schwulen, der sich nicht vor Repressalien fürchten musste oder sich nicht in irgendeiner Weise verbogen hat, damit seine Homosexualität nicht öffentlich wird.
Im Roman versucht die Hauptperson Felix übers Internet Informationen über homosexuelles Leben in den fünfziger Jahren zu finden. Welche Rolle spielte für dich das Internet bei der Recherche?
Ohne Internet könnte ich bis zu einem gewissen Grad keine Romane schreiben. Es ist unglaublich hilfreich und zeitsparend, wenn ich mal eben googeln, als mit Hilfe einer Suchmaschine Informationen finden kann. Allerdings muss man aufpassen, welche Quellen man zu Rate zieht: Im Internet kursiert auch viel Halb- und Desinformation. Für größere Zusammenhänge und gründliche Recherche nutze ich noch immer die gute, alte Institution Buch.
Welche Bedeutung hat das Internet deiner Ansicht nach für das schwule Leben insgesamt?
Das Internet kann meiner Ansicht nach für die schwule Welt nur eine Ergänzung der Szene, eine zusätzliche – und meist eher frustrierende – Art der Kommunikation sein. Ich kenne zwar den ein oder anderen, der seine Bettpartner über irgendeinen gay Chat kennengelernt hat, aber die meisten gehen trotzdem lieber nach draußen, um in den Clubs und Kneipen Leute kennenzulernen. Und ganz ehrlich: Es ist ja vielleicht eine Zeitlang interessant, sich die Pornobildchen anderer Kerle anzugucken, aber das ersetzt noch lange nicht den Akt an sich. Deshalb sind die Bars an den Wochenenden auch nach wie vor so gut besucht.
Hand aufs Herz: Wie viele Dates übers Internet hast du bislang gehabt?
Genau drei. Eins davon war ganz okay, die beiden anderen waren ein Schuss in den Ofen, weil die Realität dann doch anders aussah, als unsere durch Fotos angeheizten Fantasien. Ich habe zwar auch ein Profil in den blauen Seiten, nutze es aber mittlerweile eher dazu, um mit Freunden und Bekannten in Kontakt zu bleiben, wenn ich keine Lust habe zu telefonieren. Zum Kennenlernen anderer Männer gehe ich nach wie vor lieber in eine Kneipe, weil mir in der virtuellen Realität der Augenkontakt beim Anbaggern fehlt und das flaue Gefühl im Magen, die Unsicherheit, ob mich mein Gegenüber auch interessant findet oder nicht.
Was hältst du von Blogs? Hast du Favoriten (abgesehen von meinem Blog)?
Ich stehe Weblogs relativ skeptisch gegenüber und halte sie für eine Modeerscheinung, die sich vielleicht in ein paar Jahren wieder totgelaufen hat. Viele Weblogs dienen nur als Plattform einer völligen Entäußerung des Privaten und weniger der Meinungsbildung, was ich eher befremdlich finde. Nicht alles, was einem im Kopf herumspukt, ist tatsächlich von öffentlichem Interesse. Deshalb habe ich selber auch keins und lese auch keine mehr. Ich glaube, dass das, was ich zu sagen habe, schon in meinen Romanen und Kurzgeschichten rüberkommt – die haben zudem Vorteil, etwas Dauerhaftes darzustellen.
Mehr über Jans neuen Roman kann man im aktuellen hinnerk vom März nachlesen. Im Anhang seines Romans gibt es ebenfalls ein ausführliches Gespräch über die Entstehung des Romans. (RH/08)


Das hat zwar nichts mit dem Post zutun… aber allen Mädels nachträglich alles Gute zum Frauentag ;o)
Lg Areus.